Himmlische Pralinen

Träume, sie sind …

so schön …

… so leise …

… so … aaautsch!!!?

Sachte, ganz sachte öffnete Lilly die Augen. Sie zwinkerte irritiert. Wieso war alles so weiß hier, um sie herum? Sicherheitshalber schloss sie noch einmal die Augen.

Hatte sie alles nur geträumt?

Lilly atmete tief ein, und wieder aus. Ihre Yogalehrerin hatte ihr schließlich beigebracht was es heißt sich zu entspannen! Erneut öffnete sie ihre Augen, doch das Bild hatte sich nicht verändert. Ihre Umgebung blieb einfach weiß. Das war jetzt nicht einmal etwa so ein schönes Cremeweiß, Champagner oder wenigstens der Ton Marke „Eierschale“. Alles was sie sah, war ausnahmslos klinisch weiß! Sie fröstelte.

Noch immer müde und etwas benommen rieb sich Lilly die Augen, und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Vorsichtig richtete sie sich auf. Lilly hatte auf einem Stuhl gelegen, beziehungsweise auf zwei Stühlen. Vielmehr waren es Sitzschalen, aus hartem Kunststoff, wie man sie etwa aus Fussballstadien kennt. Und, wer hätte es gedacht, auch die waren weiß!

Lilly verzerrte das Gesicht, als sie sich den vermeintlich schmerzenden Rücken rieb. Doch der schmerzte gar nicht! Sehr erstaunlich, aber ein zufriedenstellender Umstand!

Könnte alles doch wesentlich schlimmer sein, dachte Lilly, und musste plötzlich an sich herab sehen. Merkwürdig, sie war selbst über und über in Weiß gekleidet. So was?! Sie konnte sich nun wirklich nicht daran erinnern, wie sie hier her kam, und noch weniger daran, dass sie sich am Morgen so angezogen haben sollte! Schrecklich! Diese Nicht-Farbe stand ihr doch gar nicht. Außerdem konnte sie so wohl kaum länger als eine halbe Stunde durch die Weltgeschichte gehen, ohne sich üble Flecken auf dem Zeug einzuhandeln. In Sachen Mode hatte Lilly nicht immer ein gutes Händchen bewiesen, aber so, wie jetzt, lief sie definitiv niemals freiwillig herum!

Nein, irgendetwas lief hier gehörig schief! Skeptisch nestelte Lilly an dem Saum ihres Shirts herum das sie trug; dann widmete sie sich wieder ihrer Umgebung zu. Die Sache mit den weißen Klamotten konnte sie jetzt eh nicht ändern! Also, wie war sie noch gleich hierher gekommen?

Lillys Erinnerungen blieben ihr die Antwort schuldig, so sehr sie sich auch darum bemühte. Der Raum, in dem sie hockte, war schmal geschnitten. Zu beiden Seiten waren diese Sitzschalen angebracht, auf denen Lilly auch gelegen hatte. Kein Mensch weiß wie lang. All das hatte etwas von einem Wartezimmer. Und ich hasse Wartezimmer, dachte Lilly und zog eine Grimasse. Die Vorstellung in einem Wartezimmer zu sitzen verband sie automatisch mit einem Zahnarztbesuch, und der bereitete ihr grundsätzlich nie Vergnügen! Doch dieses vermeintliche Wartezimmer hier, war nicht nur sehr schlecht besucht, es war auch noch so derartig geschmacklos eingerichtet, dass der Inneneinrichter verklagt werden sollte, befand sie kurzerhand, und rümpfte die Nase.

Lilly stand auf, und reckte sich noch einmal ausgiebig. Schließlich war sie allein, also konnte sie sich auch etwas gehen lassen. Wie ein Embryo hatte sie auf diesen zwei Stühlen gelegen. Diese Art von Sitzschalen waren vielleicht praktisch, aber doch nicht wirklich gemütlich! Ein Wunder, dass sie sich überhaupt bewegen konnte! Wie hatte sie es darauf nur, wie lange auch immer, aushalten können? Zuhause hätte sie unter ihrer Matratze auch eine Erbse ausfindig machen können.

Ob ihr Make Up noch in Ordnung war? In ihrer Handtasche hatte Lilly einen Spiegel, und wo war die nun wieder?

Dieser Tag war ja nun wirklich so was von verkorkst! Auch ihre Handtasche war verschwunden. Das kostbare Stück!

Genervt griff Lilly sich an die Stirn. Ihr Kopf fühlte sich schwer an, und ein dumpfes Gefühl machte sich breit. Vermutlich bekam sie eine Migräne, was sie angesichts dieser Lage so gar nicht wunderte! Lillys Schläfen pochten, und sie massierte sie mit ihren Fingerspitzen. An was kann ich mich denn noch erinnern, verflixt!, grübelte Lilly.

Hatte ich einen Arzttermin?

Musste ich dort einfach nur länger als üblich warten?

War ich hier am Ende eingeschlafen?

Ob die hier wenigstens eine Kopfschmerztablette für mich haben?

Ich war aber doch noch nie bei einem Arzt, der so ein geschmackloses Wartezimmer hat!

Doch so sehr Lilly auch ihre Hirnwindungen bemühte, sie fand zu keinem Ergebnis.

Seufzend atmente sie aus. Wenn sie ihrer Freundin von diesem Moment erzählte, dachte sie bestimmt, Lilly hätte nicht alle Tassen im Schrank!

Plötzlich vernahm sie ein Geräusch, und hob ruckartig den Kopf.

Was war das?

Lilly lauschte angestrengt und starrte auf die Wand, die ihr gegenüber lag.

Sie hielt den Atem an.

Da war doch so etwas wie … ein … Gemurmel!?

Sie lauschte weiter.

Doch jetzt war nichts weiter zu hören. Hatte sie sich das alles nur eingebildet? Es war absolut still.

Doch dann murmelte wieder etwas. Das heißt, nicht etwas, sondern jemand!

Mit offenem Mund starrte Lilly auf die weiße Wand vor ihr. Da sprach tatsächlich jemand. Ein Mann!

Die Stimme war nur ganz leise zu hören. Da Lilly das Geräusch nun lokalisiert hatte, ging sie, wie auf Samtpfoten, auf die Wand zu. Wenn sie ihr Ohr daran hielte, konnte sie doch bestimmt hören was dort gesprochen wurde. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte Lilly noch darüber nach, ob ihr Make Up vielleicht Spuren an dieser klinisch weißen Wand hinterlassen würde, wenn sie an ihr lauschte. Verscheuchte den Gedanken aber gleich wieder. Hier ging es um Wichtigeres, als um einen winzig kleinen Flecken an der Wand! Hier ging es um wichtige Informationen!

Lilly schnappte nach Luft, um sie sogleich wieder anzuhalten, ehe sie ihr Ohr sachte an die Wand presste; die daraufhin leider nachgab!

Eine unsichtbare Schwingtür!?

Mit einem ziemlich lauten »Huups!« stolperte Lilly in den Nebenraum, ehe sie augenblicklich stocksteif stehen blieb.

Lilly hatte in ihrem, na ja, eigentlich immer noch ziemlich jugendlichen Alter, schon so einiges erlebt, aber was sie hier zu sehen bekam, war nichts für schwache Nerven!

Mit weit aufgerissenen Augen starrte Lilly auf drei junge Männer, die sie allerdings nicht weniger erstaunt ansahen. Und erstaunt war dabei ein sehr dehnbarer Begriff! Nebenbei erwähnt, trugen die Männer weiße Jeans und Shirts. Augenscheinlich hatten hier alle denselben Designer! Oder wir sind alle in der Klappse, dachte Lilly und schickte ihrem Gedanken schnell ein Stoßgebet hinterher: Bitte, bitte, lass uns nur den selben Designer haben!

Die Kleidung der Männer war jedenfalls ziemlich eng geschnitten, was Lilly zugegebenermaßen ziemlich erfreulich fand. Sie alle hockten auf diesen weißen Sitzschalen, wie sie auch schon im Nebenraum angebracht waren. Überhaupt glich dieser Raum dem, in dem sie zuvor aufgewacht war. Dieser hier war nur um Längen größer, und auch hier war alles durchweg weiß. Irgendjemand hatte hier ganz klar eine eindeutige Phobie gegen Farbe! Doch war das nicht der Grund, warum alle Beteiligten in einer Schockstarre verharrten, und sich sprachlos ansahen. Was dem Fass nun wirklich den Boden ausgeschlagen hatte war die Tatsache, dass Lilly diese Männer kannte. Und zwar, oh je, jeden Einzelnen von ihnen!

Genau damit wurde auch der Kern des Ganzen offensichtlich, denn die drei Männer hatten ein ziemlich gravierendes Problem: Diese Männer hier waren nämlich alle mausetot! Außerdem war da noch der vielleicht nicht ganz unerhebliche Gegenstand der Sache, dass Lilly mit jedem einzelnen von ihnen einmal zusammen war. Sie war nur bereits von jedem getrennt gewesen, ehe ihnen etwas zustieß.

Eieiei, dachte sie, und sah sprachlos von einem zum anderen. Wenn man an dieser Situation überhaupt etwas Gutes ausmachen wollte, dann war es wohl die Tatsache, dass sie für das Ableben der Männer nun wirklich keinerlei Verantwortung trug! Ihren letzten Weg waren sie schließlich alle ganz alleine gegangen. Dabei war der Weg für zwei der Herren mit Sicherheit alles andere als schön gewesen, sofern man das an der Stelle überhaupt sagen konnte! Wobei, bei Stefan war damals alles vermutlich recht schnell gegangen …

Stefan war ein leidenschaftlicher Sportler gewesen. Oder war er das jetzt immer noch? Wie dem auch sei. Ein Veranstalter für Bungeesprünge hatte sich damals eine neue Location für eine Gruppe von Springern ausgesucht. Ein richtiges Highlight sollte es werden. War es auch. Rein optisch betrachtet. Leider hatte der Veranstalter dabei nicht in Erwägung gezogen, dass die Bungeeseile bei Änderung der Sprunglocation auch auf ihre Länge hin überprüft werden mussten. Stefan sprang jedenfalls als Erster seiner Gruppe, und damit auch als letzter. Das Seil war zu lang gewesen. Oder die Brücke zu niedrig. Man konnte es betrachten wie man wollte, das Ergebnis blieb leider dasselbe! Das Sprungereignis war damit jedenfalls schneller beendet als vermutet.

»Lilly?«, fragte Mario in die Stille hinein, der als Erster seine Sprache wiederfand. Er war der Älteste von den dreien.

Man, was sieht der gut aus!, dachte Lilly.

Übrigens sahen sie alle verflixt gut aus! Wie machten die das nur? Trotz, na ja, trotz dieser unschönen Unfälle! Lilly sah schon blass aus, wenn sie mal eine Nacht schlecht schlief. Aber die hier, hatten eigentlich ganz andere Probleme!

Der arme Mario stand eines Tages nämlich leider einem ziemlich großen Laster im Weg. Der Fahrer war damals mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs gewesen. Dummerweise war der gleichzeitig damit beschäftigt sein Autoradio einzustellen. Er sah Mario gerade noch, kam aber nicht mehr dazu die Bremse zu benutzen. Ach Mario, der hatte nun wirklich stets ein gutes Herz, und genießen konnte der…

Tja, und Michael? Michael war hier also der Dritte im Bunde. Er war damals Tierpfleger gewesen. Die Beziehung zu ihm war sicherlich die leidenschaftlichste, aber auch die kürzeste von allen. Michael war Lilly eine Spur zu zickig gewesen. Mit seinen Tieren konnte er bedeutend besser umgehen, als mit Menschen. Eine Weile lang jedenfalls. Eines Tages spielte Michael nämlich mit einem jungen Löwenbaby. Leider hatte er dabei nicht bemerkt, dass das Gehege seiner Eltern nicht verschlossen gewesen war, und daher offen stand. Kurze Zeit später spielten die Löweneltern jedenfalls mit ihm. Zumindest las es sich so am nächsten Tag in der Zeitung.

Ein Schauer überkam Lilly. Wenn die hier alle… na ja, tot waren… was bin ich denn dann?, fragte sie sich, verscheuchte dann aber sofort jeden Gedanken an eine Antwort, als wäre sie eine lästige Fliege gewesen.

Stattdessen räusperte sie sich.

»Äh ja. Tatsächlich. Ihr werdet es nicht glauben, aber ich bin es! Wer hätte das gedacht, was?«, stotterte sie in die Runde, und kam sich wie ein Volltrottel vor.

Das ging doch wohl besser! Sie lachte unbeholfen.

»Mensch Jungs! Wir haben uns ja… schon ganz schön lange nicht mehr gesehen!«, schob sie ein wenig kleinlaut nach.

Am liebsten hätte sie sich vor Scham gegen die Stirn geschlagen. An ihrer Wortwahl musste sie wirklich dringend intensiv arbeiten! Himmel, was waren ihre Antworten vielleicht dämlich. Es war ja wohl logisch, dass sie sich alle schon lange nicht mehr gesehen hatten, sie waren ja auch tot! Also irgendwie jedenfalls.

»Und? Wie geht es euch so?«, hörte sie sich weiter fragen, hätte sich aber auch für diese Frage am liebsten einen inneren Tritt in den Hintern geben können. Wenn sie einmal in Form war, war sie schlichtweg kaum zu bremsen!

Allerdings, zum einen sahen die Männer, die hier vor ihr standen, wirklich blendend aus und zum anderen musste sie dringend erfahren, warum sie überhaupt hier war!

Noch während Lilly weiterhin in ihren Gedanken verstrickt war, sprang Mario einfach auf, ging auf sie zu und umarmte sie fest und innig. Und er fühlte sich ja so was von gut an!, befand sie kurzerhand.

Mario hatte, wie Stefan, Zeit seines Lebens viel Sport getrieben, und durch sein weißes, so unglaublich eng geschnittenes, T-Shirt spürte sie jeden seiner extrem gut definierten Muskeln. Jetzt standen auch Stefan und Michael auf, und gingen auf Mario und Lilly zu. Ungläubig sahen sie auf Lilly herab. Sie war halt nicht die Größte in Sachen Körperlänge, sie hatte eben andere Qualitäten!

»Lilly?«, fragte Stefan ebenfalls noch einmal, wenngleich die Frage wohl eher rein rhetorisch gemeint sein durfte. Schließlich war längst geklärt, dass sie es war. Andererseits war er ja derjenige, der leider auf den Kopf gefallen war als… Schwamm drüber!

Lilly lächelte.

»Aber, was machst du hier?«, fragte Michael in die illustre Runde. Dann umarmte auch er sie.

»Hee! Leute! Leute!! Ich krieg‘ ja keine Luft mehr!«, quengelte Lilly atemlos, und verschaffte sich etwas Freiraum. Stefan lachte laut auf.

»Keine Sorge! Die brauchst du hier eh nicht mehr!«

Jetzt lachten alle. Alle, außer Lilly!

»Oh?! Du weißt es noch gar nicht?«, fragte Stefan etwas irritiert, und biss sich auf die Unterlippe, wie jemand der ahnte, dass er zu viel gesagt hatte.

Mario boxte ihn spielerisch auf den Oberarm, und nannte Stefan schlicht einen Holzkopf.

»Siehst du nicht, dass die Kleine total verwirrt ist?«

»War sie das nicht schon immer?«, stieg Michael in die Stichelei mit ein. Vermutlich hatte er nicht verwunden, dass Lilly die Beziehung zu ihm damals beendet und ihn als männliche große Zicke bezeichnet hatte.

Lilly war genau genommen übrigens diejenige, die für das Ende der Beziehung mit allen dreien verantwortlich war. Darauf war sie nicht etwa stolz gewesen; es war einfach nur so. Und obwohl sie schon längst von ihren Männern getrennt gewesen war, hatte jeder einzelne Unfall der Jungs sie damals sehr betroffen gemacht! Lilly hatte jeden dieser Männer sehr ins Herz geschlossen.

Michael sah Lilly angriffslustig an und grinste schelmisch. Die Arme hielt er dabei vor seinem Oberkörper verschränkt. Lilly antwortete, wie ein kleines Mädchen es getan hätte. Sie streckte ihm einfach trotzig die Zunge heraus, ehe sie sich beleidigt abwandte.

Michaels Augen wurden zu schmalen Schlitzen, während Stefan Lilly noch einmal herzig an sich drückte, und ihr einen Kuss auf die Wange hauchte.

»Ich find’s jedenfalls schön, dass du da bist!«, flüsterte er ihr ins Ohr und zwinkerte Lilly verschwörerisch zu. Ihr wurde warm.

»Heee, macht jetzt aber mal halblang!«

Mario streckte seine Hand aus, um Lilly und Stefan von einander zu trennen, als eine weitere, eine vierte Stimme sich deutlich in dem Raum erhob.

»Na na! Ihr wollt doch nicht etwa streiten?!«

Diese Stimme war unglaublich weich und liebevoll. Dennoch war sie so tief und kräftig, so dass sie sogleich alle anderen Stimmen übertönte.

Augenblicklich hielten sie alle inne, und sahen wie magnetisiert in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war.

Am Ende des Raumes, an dem zuvor noch eine schlichte leere Wand zu sehen war, stand mit einem Mal ein großer schwerer Schreibtisch. In weiß natürlich! Lilly verdrehte die Augen, wenngleich sie sich fragte, wie das nur möglich war!?

Die Wand war zuvor leer, da war sie sich absolut sicher. Oder doch nicht? Das grenzte nun wirklich an Zauberei! Oder hatte sie am Ende einfach nur fürchterlich etwas auf den Kopf bekommen, und eigentlich saß sie nur an ihrem Schreibtisch?

Ihre Aufmerksamkeit wurde wieder von dem Herrn angezogen, der gerade gesprochen hatte. Er war schon um einiges älter, und trug einen – na klar – weißen Bart und dichtes weißes Haar. Er saß hinter dem Schreibtisch, und war dabei zudem ziemlich kräftig. Eher untersetzt. Wobei das auch nicht der richtige Begriff für seine Körperfülle war. Der Typ hatte einen ordentlichen Bauch, und eine Diät war sicherlich nicht die schlechteste Idee, fand Lilly. Zumal vor ihm eine Etagere stand, auf dem winzig kleine, aber köstlich aussehende Pralinen lagen. Die ganze Etagere war voll davon!

Das waren doch viel zu viele für einen ganz alleine!, dachte Lilly, behielt ihre Gedanken aber für sich.

Was für ein Feinschmecker, dieser ältere Herr hier doch war! Dann musste sie unweigerlich schmunzeln. Denn selbst die Pralinen waren mit weißer Schokolade überzogen, oder waren zumindest in weißem Puderzucker gewälzt worden, oder in gemahlenen Mandeln. Lilly hatte eine Schwäche für Pralinen, die aus weißer Schokolade gemacht waren! Für alle anderen übrigens auch …

Was wohl da drin war? Eine fruchtige Creme? Oder dunkle Schokolade? Zimt?

Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, oder besser gesagt, es sollte ihr im Mund zusammenlaufen. Wieso tat es das nicht?

Der ältere Herr begann zu lachen, während er zu Lilly herüber sah. Es war, als wenn er ihre Gedanken erraten hatte; was er ja gar nicht konnte.

Oder etwa doch? Lilly stutzte.

Was für ein Quatsch! Wie sollte er denn?

Sein Bauch wackelte, während er lachte. Dann schwächte sich das Lachen zu einem Lächeln ab, und er blickte nur noch erheitert in die illustre Runde.

Da standen sie nun.

Drei heiße Typen, die ja eigentlich ziemlich tot waren, dafür standen sie hier in engen weißen Klamotten herum. Und mittendrin stand Lilly: Begriffsstutzig wie nie zuvor!

Der Alte, sorry, aber er hatte sich ja noch nicht vorgestellt, wirkte auf seine Art sehr liebenswürdig, so wie der dort saß. Er streckte derweil seine Beine aus, und schien die Aufmerksamkeit, die sich um ihn rankte, durchaus zu genießen!

Sein Blick richtete sich jetzt auf die Etagere, während alle anderen im Raum still waren. Seine Hand zögerte nur kurz, ehe er eine der Pralinen sorgfältig auswählte. Er führte sie kurz an seine Nase, um den Duft der Schokolade, oder der Füllung, ganz in sich aufzunehmen, ehe er sie sich genüsslich auf die Zunge legte. Er umschloss die Praline gänzlich mit seinem Mund, und schloss kurz die Augen.

Lilly hatte nicht bemerkt, dass sie ihn mit offenem Mund angestarrt hatte. Schließlich kam jetzt zu ihrer allgemeinen Begriffsstutzigkeit auch noch Neid hinzu. Futterneid! Er hätte sie alle ja ruhig mal fragen können, ob sie vielleicht auch etwas von den Pralinen probieren wollen, oder etwa nicht?

Lilly schloss ihren Mund und biss die Zähne aufeinander.

»Wer ifft daff?«, nuschelte oder knurrte sie leise durch ihre fast geschlossenen Lippen, und stieß dabei Stefan von der Seite her an. Den alten Herrn lies sie dabei nicht aus den Augen. In aller Ruhe legte er seine Hände auf dem Bauch ab, und faltete sie. Er hatte ja ein bisschen was von einem Weihnachtsmann, dachte Lilly. Was sie zum Schmunzeln brachte. Interessanter Weise schmunzelte der Alte ebenfalls.

Stefan drückte seinen Rücken durch und lächelte.

»Das?«, er machte eine fast unsichtbare Kopfbewegung in Richtung Schreibtisch. Dann verschränkte er die Arme vor seiner Brust.

»Was glaubst du wohl, wer das sein könnte?«, fragte er für Lilly eine Spur zu süffisant, dann sah er sie von der Seite her an. Blödmann!

Lillys Augen wurden schmal, ehe sie Stefan streng fixierte.

Glauben, kann ich viel! Bin ich hier bei „Wünsch‘ dir was?“, fragte sich Lilly still und leise. Sie spürte, wie Wut in ihr hoch kroch. Langsam aber sicher fühlte sie sich schlicht veräppelt. Sie atmete tief durch, stemmte die Hände in die Hüften und sog die Luft gefährlich scharf ein.

»Keine Ahnung wer das sein könnte Stefan! Denn sonst hätte ich ja wohl kaum danach gefragt! Der Hausmeister vielleicht? Oder ist er der Chef von eurer White-Sensation-Party hier?«

Stefan sah sie mit großen Augen an, was Lilly noch beflügelte.

»Ich habe, ehrlich gesagt, keinen blassen Schimmer in welchem Zirkus wir uns hier befinden. Deshalb, Stefan, habe ich auch einfach nur eine winzig kleine Frage gestellt. Und ich hoffe, dass du mir jetzt eine klare Antwort darauf geben kannst. Was also, ist daran so kompliziert? Was? Na?«

Scheinbar war sie doch ein wenig lauter geworden, als es ihr lieb war, denn alle wie sie im Raum waren, starrten Lilly nun mit großen Augen an. Lilly schniefte kurz, und richtete sich kerzengerade auf.

Zugegeben, sie fühlte sich mit der Situation aber auch ein klein wenig überfordert!

»Ja was denn?«, fragte sie jetzt kleinlaut in die Runde, doch dann nahm sie wieder Fahrt auf.

»Entschuldigt mal. Ich werde wach, liege auf zwei, aber auch so was von äußerst unbequemen Stühlen, die sich wie eine Parkbank anfühlen, habe tierische Kopfschmerzen, keine Tablette, überall sehe ich nur dieses beknackte Weiß in Weiß, habe keine Ahnung, wie ich hierher gekommen bin, und schon gar nicht, was ich hier überhaupt soll!!? Dann treffe ich ausgerechnet euch drei Spezialisten hier, und ihr seid dann auch noch … ihr seid … doch alle gar nicht mehr real! Sind wir doch mal ehrlich!?« Huch, ich werde hysterisch. Egal!, dachte Lilly und atmete kurz durch, um sogleich wieder Luft zu holen.

»Also, ihr seid eben nun einmal nicht mehr da. Verflixt, ihr versteht schon was ich meine. Alles ist doch völlig irre hier. Und ich habe auch keine Lust mehr hier. Ich bin genervt! Und ich will nach Hause. Ich will ein Bad nehmen! Und auf meine Couch will ich auch!«, kreischte Lilly mehr, als sie es eigentlich beabsichtigt hatte. Und dann brachen die Dämme. Allerdings kamen keine Tränen, so sehr sich auch bemühte. Egal, dann tat Lilly eben so als ob! Diese Situation verlangte ihr echt so einiges ab, also versuchte sie das bisschen Grips, das noch da war, irgendwie zusammen zu halten. Lilly schniefte. Kopfschmerzen konnte sie empfinden, aber die Produktion von Körperflüssigkeiten war eingestellt?

Was bitteschön war denn das für eine Welt, in der man nicht einfach einmal drauf losheulen konnte?! Mario erkannte, dass Lilly dringend Zuspruch nötig hatte, und legte ihr beruhigend und tröstend eine Hand auf die Schulter. Er hatte die wage Vermutung, dass Lilly einem Nervenzusammenbruch ziemlich nahe kam …

»Du hast ja recht«, hörte Lilly den alten Herrn sagen.

Sein Lächeln wurde milder, und endlich richtete er sich auf. Die Herren um sie herum waren völlig mucksmäuschenstill!Die Aufmerksamkeit aller lag einzig und allein bei dem propperen Alten.

Lilly schniefte. Jedenfalls tat sie so.

»Du hast recht. Ich bin dir eine Antwort schuldig! Also, ich bin hier tatsächlich so etwas wie der Chef dieser Hütte hier. Der ganzen Gegend, wenn man es genau nimmt. Die Menschen haben mir im Laufe der Jahre viele Namen gegeben.«

Jetzt Lilly an der Reihe große Augen zu machen. Immerhin wurde ihr jetzt schlagartig klar, warum dieser Bärtige hier, allein mit seinem Lächeln, ihr Herz zum Schmelzen bringen konnte. Sorgsam fasste er sich an den weißen Bart. Es war offensichtlich, dass Gott nach Worten suchte.

»Tja, und weißt du, die Sache ist also die, mir ist da heute Morgen nämlich etwas wirklich blödes passiert!«

Gott kraulte sich jetzt seinen schneeweißen Bart, und fixierte eine Schokokugel. Dann tippte er mit seinem Zeigefinger an eine der Pralinen. Sie schien ihn anzulocken. Er spielte kurz mit ihr, ehe er sie aufnahm und dann blitzschnell in den Mund steckte. Lilly verfolgte jede noch so kleine Bewegung mit den Augen. Es war nicht so, dass sie Hunger verspürte. Eher so etwas wie Appetit. Sie hätte so unglaublich gern wenigstens eine der Pralinen gekostet. Die Schokolade sah so zart aus, so überaus köstlich. Lilly glaubte sogar, dass sie den Duft der Pralinen wahrnehmen konnte. Da war doch noch mehr. Ganz leicht lag etwas wie Marzipan in der Luft. Rosenwasser. Pistazien. Lilly wurde nun wirklich nervös!

Ob der liebe Gott ein paar Pralinchen mit ihr teilen würde?

Vielleicht, wenn sie ihn ganz lieb danach fragte?

Was hatte er eigentlich gerade gesagt? Ihm war etwas passiert? Was für ein verrückter Tag, dachte Lilly, und zwang sich weiterhin höflich zu bleiben.

»Was ist dir, Entschuldigung, Ihnen denn blödes passiert?«, hörte sie sich fragen; konnte ihre Augen aber nur zögerlich von der Etagere mit den Pralinen lösen.

Es waren doch noch so viele davon da! Ob sie nicht doch wenigstens eine ganz kleine Praline …

»Weißt du Lilly, wir haben hier heute Morgen mal so richtig ordentlich aufgeräumt. Auch wir müssen ab und an mal eine Art Hausputz machen. Jedenfalls ist mir dabei, ausgerechnet mir, eine Kommode aus den Händen gerutscht!«

Gott räusperte sich.

Entschuldigend sah er Lilly dabei an.

Konnte ja mal passieren, dachte sie nur, und zuckte mit den Schultern. Sie verstand nicht, was Gott ihr damit sagen wollte. Ihr passierten schließlich andauernd irgendwelche Missgeschicke. Dann schluckte sie wieder, weil ihr Blick wie magisch von den Pralinen angezogen wurde.

»Na ja, die Bodenluke stand gerade auf, und was soll ich dir sagen?«

Erwartungsvoll hob Lilly die Augenbrauen. Sie stand offensichtlich auf der Leitung, denn sie verstand rein gar nichts.

»Die Kommode ist einfach so durchgerutscht, und ausgerechnet dir, liebe Lilly, leider direkt auf den Kopf gefallen!«

Jetzt fiel es ihr wieder ein. Alles! Sie war gerade auf dem Weg zur Arbeit gewesen, und verließ das Haus. Sie stand noch kurz neben ihrem Wagen, und sah in dem Himmel, um nach Wolken Ausschau zu halten. Sie war sich nicht sicher, ob sie nicht doch noch einmal schnell ins Haus laufen, und einen Regenschirm holen sollte.

Und plötzlich wurde es dunkel um sie herum …

Lilly gingen sämtliche Lichter auf.

Sie hockte also nun hier, weil im Himmel ein Hausputz veranstaltet wurde?

Sie lachte kurz auf, doch sogleich wurde ihr klar, dass das hier kein Witz war.

Was sollte denn jetzt aus ihren Plänen werden? In zwei Wochen wollte sie eine Reise antreten! Sie hatte eine noch vielversprechende Karriere vor sich! Und überhaupt war sie auf räumliche Veränderungen so gar nicht vorbereitet! Fragen schossen durch ihren Kopf, die auf eine Antwort warteten.

»Wie meinst du, also Sie, das? Ich … bin … bin ich etwa tot?«, fragte Lilly nur zaghaft und sprach dieses Wort, mit den drei Buchstaben, nur sehr zögerlich aus! Zugegeben, sie wollte es schlichtweg nicht wahr haben!

»Ja. Aber alles halb so schlimm!«, sagte Gott, winkte ab und angelte sich in aller Seelenruhe noch eine Praline von der Etagere, die er sich in den Mund legte. Wieder schloss er seine Augen, und genoss sie. Das war unschwer erkennbar. Wenn hier einer mal die Ruhe weg hatte, dann wohl er!

»Da ich ja den kleinen Patzer verursacht habe …«

»Kleiner Patzer ist gut«, knurrte Lilly leise, lächelte Gott aber weiterhin freundlich an. Gott lächelte ebenfalls, dann räusperte er sich. Bestimmt konnte er tatsächlich ihre Gedanken lesen. Ob das so gut war?

»Jedenfalls darfst du natürlich wieder zurück. Deine Zeit hier oben ist einfach noch nicht gekommen!«

Lilly war erleichtert. Trotzdem waren das am Ende des Tages doch immerhin gute Aussichten. Sie würde also eines Tages dann auch hier oben auf einer der Wolken sitzen dürfen.

Gott kaute genüsslich auf seiner Praline herum.

»Und du darfst sogar noch etwas mitnehmen, weil das hier alles so blöd gelaufen ist!«, schob er etwas kleinlaut nach.

»Sie machen das aber ganz schön spannend!«, feixte Lilly, sah in die Runde und da niemand lachte, erschrak sie sogleich über ihr loses Mundwerk. Schließlich hatte sie Gott vor sich; hallo?! Schnell hielt sie sich die Hand vor den Mund, doch Gott lächelte ihr weiterhin gütig zu.

Er war schon ein toller Mann, dass musste sie zugeben. Dem konnte man nie und nimmer böse sein. Kein Stück!

»Spannend, in der Tat. Dabei ist das eigentlich gar nicht meine Absicht. Sicherlich erlebst du das hier nicht alle Tage, was?! Jedenfalls hast du Stefan, Mario und Michael ja gleich wieder erkannt. Hier tragen sie eigentlich andere Namen, denn sie sind ja nicht mehr irdisch, sondern sie sind zu Engeln geworden.«

Milde sah Gott nacheinander in die Gesichter der jungen Männer, die zu meiner Rechten und Linken standen.

Lilly musste prusten. Sie hatte sich -aus Versehen – verschluckt. Nur ohne Spucke!

Engel; ausgerechnet die Drei!, dachte Lilly, behielt die Gedanken aber für sich.

»Entschuldigung«, presste sie stattdessen nur hervor, denn sie wollte Gott nun wirklich nicht ständig ins Wort fallen. Okay, dann waren die Drei hier eben zu Engeln geworden. Bitteschön.

Gott nahm noch eine der Pralinen auf, und Lilly war erstaunt darüber, wie viele er doch essen konnte, ohne eine davon abzugeben! Wieder sog er ihren Duft ein, ehe er sie auf seiner Zunge bettete. Lillys Neid wuchs. Wieso tat er das ausgerechnet vor den Augen aller?

»Seitdem sie hier sind, haben sie der Menschheit so viele gute Dienste geleistet. Stefan hat vielen Menschen das Leben gerettet, die sich aus lauter Verzweiflung von einer Brücke stürzen wollten. Er hat ihnen zugehört und ihnen neuen Mut gegeben!«

Mein Stefan, na sieh‘ mal einer an, dachte Lilly und schenkte Stefan einen anerkennenden Blick. Doch der sah nur zu Boden. Himmel, wie süß!

»Mario«, Gott erhob die Stimme und sah Mario nun direkt an, »er rettete etliche Menschen, die beinahe überfahren worden wären. Er gab ihnen einen stets kleinen Schubs in die richtige Richtung, oder stellte sich ihnen einfach in den Weg. Er lockt auch unsere tierischen Geschöpfe an, um sie vor dem sicheren Tod auf den Straßen zu retten.«

Gott lächelte liebevoll, und auch Mario senkte seinen Blick zu Boden.

Bei der Gelegenheit fiel mir doch wieder das überfahrene Eichhörnchen ein, das neulich in der Nähe meiner Wohnung lag. Kein schöner Anblick war das! Scheinbar hatte Mario in diesem Moment einen anderen Job gehabt, sonst wäre es wohl kaum platt gefahren worden!

Gott kaute bedächtig.

»Und natürlich der tapfere Michael, der Beschützer der Artisten!«

»Artisten?!«, jetzt musste sie doch einmal kurz einhaken. Artisten nicht zu fassen …

»Oh ja! Ihm schwebt kein Artist zu hoch in der Luft, um ihm Halt zu geben und kein Tier zu wild, um sich ihm in den Weg zu stellen, und es zu besänftigen. Und auch er hat schon so einigen Menschen Halt gegeben, und so einige Tiere zu besänftigen gehabt!«, bemerkte Gott.

Lilly sah zu Michael rüber, und nickte anerkennend.

»Das ist ja wirklich toll, was ihr so macht! Stefan, Mario, Michael!« Lilly knuffte jedem Einzelnen auf den Oberarm, richtete ihre Aufmerksamkeit gleich wieder auf Gott. Immerhin war sie doch sehr gespannt auf das, was er für sie vorgesehen hatte, ehe sie die Heimreise antrat.

Gott lächelte immer noch.

Er richtete sich auf und breitete seine Arme aus.

»Und nun, liebe Lilly, darfst du dir einen Mann auswählen. Einen Mann, den du gern mit zurück auf die Erde nehmen möchtest. Er wird also fortan bei dir bleiben, um dich auf ewig zu begleiten. Wobei dieses auf ewig‘ bitte ich eher relativ zu sehen!«

Gott lachte über seinen kleinen Spaß. Humor hatte er ja, so viel musste sie ihm lassen.

»Mitnehmen? Einen kann ich mitnehmen

Gott machte es sich nun wieder gemütlich, und – was sonst – wählte eine weitere Praline. Er hielt sie ins Licht, biss hinein, und verdrehte die Augen. Ein leises »köstlich«, konnte Lilly gerade noch hören, ehe sie die Männer ansah, die um sie herum standen, und sichtlich auf eine Antwort von ihr warteten.

Jetzt war es wohl an der Zeit eine Entscheidung zu fällen. Na das war ja ein schönes Malheur! Einen konnte konnte sie also mit zurück auf die Erde nehmen.

Nach Hause.

Lilly atmete hörbar aus.

Sie sahen alle wirklich unglaublich gut aus! Mit jedem Einzelnen würde sie sicherlich viel Freude haben könnten. Und natürlich auch Ärger, dessen musste sie sich bewusst sein. Damals hatte sie schließlich ihre Gründe, warum sie sich von jedem trennen musste.

Sie kannte alle Männer. Ihre Vorzüge. Ihre Macken. Und Lilly kannte die ihrigen! Obwohl, hatte sie Macken?

Spielte jetzt ja auch keine Rolle. Wenn sie sich für einen dieser Männer entschied, konnte sie die Suche nach dem Richtigen jedenfalls einstellen. Wenn diese Jungs hier keine Lebenserfahrung mitzubringen hatten, wer dann sonst?

Lilly räusperte sich. Mario, Stefan und Michael sahen kurz auf. Ihre Augen waren so tief, dass sie sich in jedem einzelnen Augenpaar verlieren konnte. Und diese durchtrainierten Körper!?

Lilly wurde schwindelig.

Dann sah sie zu Gott. Sie sah, wie er auf ihre Entscheidung wartete.

»Ja. Ich habe mich entschieden«, sagte Lilly klar und deutlich.

Gott sah sie interessiert an, während Lilly entschlossen auf seinen Schreibtisch zu kam.

»Darf ich?«, fragte sie Gott und lächelte, als dieser nickte. Sie brauchte keine weiteren Worte zu verlieren. Lilly beugte sich zu der Etagere vor.

Sie atmete den Duft der süßen Köstlichkeiten ein. Dann schloss sie die Augen. Da war Kardamom, Honig und Zimt. Sie roch geröstete Mandeln, etwas Rum vielleicht.

Lilly wählte eine Praline aus, und als sie endlich hinein biss spürte sie, wie sich Himmel und Erde miteinander verbinden wollten. Das Weltliche und Sinnliche wurden eins. Ob sie übertrieb? Kein Stück!

Lilly nahm sich Zeit, ehe sie antwortete.

»Ich nehme … «, nun sahen alle erwartungsvoll zu ihr auf, und hingen förmlich an ihren Lippen, »ich nehme … die Pralinen!«

Im Himmel atmete eh niemand, aber wenn jemand geatmet hätte, so hätten sie es spätestens jetzt eingestellt.

»Die PRALINEN???«, fragte Gott und sah Lilly an, als hätte sie jetzt auch den letzten Rest ihres Verstandes verloren. Hatte sie aber keineswegs. Der Haken war nämlich ein anderer. Gott konnte sich zwar schweren Herzens von einem seiner Engel trennen, aber von seinen Pralinen?!

»Ja, ich nehme die Pralinen!«, Lilly blieb beharrlich.

Sie konnte die Jungs nicht trennen. Die Erde, die Menschen und auch die Tiere brauchten sie, und ihren Schutz.

Und ob es überhaupt  so ein Glück für den Mann war, wieder zurück auf die Erde zu kommen? Wieder von vorn beginnen zu müssen? Sich einen neuen Job zu suchen? Außerdem, ob Lilly tatsächlich auch für einen von Ihnen gemacht war? Auf ewig und so weiter?

Lilly nickte und schenkte Mario, Stefan und Michael das aller herzlichste Lächeln, zu dem sie im Stande war. Dann ging ich zu jedem einzelnen, und küsste ihn voller freundschaftlicher Zuneigung.

»Die Welt braucht euch, Jungs!«, sagte sie großmütig, und schnappte sich eilig die Etagere mit den Pralinen, ehe jemand sie ihr streitig machen konnte.

Gott sah dem Teller nach, zuckte jedoch mit seinen Schultern, atmete tief und sprach:

»So sei es!«

Lilly erwachte an ihrem Schreibtisch im Büro. Die Bürotür war geschlossen, was für ein Glück! Scheinbar war sie nämlich auf der Tastatur eingenickt. Erstens hatte sie sicherlich Abdrücke im Gesicht und zweitens, war ihr so etwas noch nie passiert! Dann erinnerte sie sich an das, was sie erlebt hatte, und dass sie ja auf die Erde zurück geschickt worden war. Das war doch so gewesen oder etwa nicht?

War am Ende alles nur ein Traum?

Lillys Kopf dröhnte. Sie drückte den schmerzenden Rücken durch, und zog ihre Schultern bis zu den Ohren. Vermutlich war sie einfach nur mächtig verspannt.

Sie erinnerte sich an Mario, Stefan und Michael, und versuchte sich an mehr zu erinnern.

Lillys Blick fiel auf eine Schachtel Pralinen, die rechts neben ihrer Tastatur stand. Die Schachtel stand offen, aber sie waren alle noch vorhanden. Keine fehlte.

Sie alle waren aus weißer Schokolade gemacht, und dufteten nahezu verboten gut!

Ihr lief das Wasser im Mund zusammen. Dieses Mal aber so richtig!

Erschrocken fuhr Lilly auf, als sie hörte, wie draußen vor dem Bürogebäude die Bremsen eines Wagens quietschten. Sie sprang ans Fenster.

Ein Wagen war ruckartig zum Stehen gekommen. Eine Frau schrie vor Schreck auf. Glücklicherweise war ihr nichts geschehen. Sie kam wohl mit dem Schrecken davon. Scheinbar war sie rechtzeitig stehen geblieben.

Oder hat sich ihr jemand in den Weg gestellt? Ein Schutzengel vielleicht?

Lilly sah in den Himmel, und lächelte, als sie sich überglücklich eine der Pralinen in den Mund legte.

Dezember 2015 © N.Markfort

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