Ein himmlisches Würstchen!

Hamburg-006  Ein ziemlich modernes Märchen…

 (Figur von Otmar Alt)

Ina saß an ihrem Büroschreibtisch und starrte in den Monitor ihres Rechners. Genau genommen starrte sie auf die Uhrzeit, die unten rechts am Bildschirmrand ihres Monitors eingeblendet war. In wenigen Minuten konnte sie endlich in ihre wohl verdiente Mittagspause gehen.

Ina schüttelte den Kopf, was für die anderen Kollegen, die um sie herum saßen, kaum sichtbar war. Was für ein Vormittag war das nur wieder einmal gewesen?, fragte sie sich im Stillen. Zuerst hatte sie am Morgen versehentlich den Wecker ausgestellt, dabei hatte sie eigentlich nur die Schlummertaste drücken wollen. Als Ina dann eine halbe Stunde später die Augen aufschlug, war sie natürlich viel zu spät dran. Wieder einmal. Wieder einmal würde sie deswegen mit ihrem Chef aneinander geraten. Fluchend sprang sie aus dem Bett, dabei sah sie noch einmal wehmütig auf die andere, die leere Betthälfte neben der ihrigen. Früher hatte ihr Freund Michael auf dieser Seite des Bettes gelegen. Damals war er immer gleich sofort aufgesprungen, wenn der Wecker klingelte. Ein gemütliches Umdrehen im warmen Bett und danach vielleicht noch einen Moment mit Kuscheleinheiten zu verbringen, war für ihn schlicht undenkbar gewesen. Für Inas Geschmack konnte der Tag allerdings nicht entspannt genug angehen, aber so war das nun einmal. Während Michael anschließend gleich im Bad verschwand erntete Ina meist unsanft die erste Aufgabe des Tages, die in Michaels Augen keinen Aufschub duldete: »Schatz, setzt du den Kaffee auf!?«.

Allein das Wort »Schatz« war nicht etwa liebevoll ausgesprochen, vielmehr war der ganze Satz eine Aufforderung an sich. Nachdem Michael dann strahlend aus dem Bad kam und er sich seine Bestätigung in jedem Spiegel, an dem er vorbei kam abholte, zog er sich an. All das dauerte natürlich eine Weile, denn wenn Michael eines war, dann war er eitel wie ein Pfau! Er sah aber auch lecker aus, das musste Ina ihm wirklich lassen. Michael trank dann entspannt seine erste Tasse Kaffee des Tages, selbstverständlich mit aufgeschäumter laktosefreier Milch und blätterte in der Zeitung, die Ina längst schon herein getragen hatte. Im Bademantel und ungekämmt war sie dazu auf den Flur gegangen. Das Bad war schließlich besetzt und sie hatte keine Sorge, dass jemand sie in diesem Aufzug am frühen Morgen zu Gesicht bekam. Während Michael seinen Kaffee genoss, schlich Ina ins Bad. Wenn sie dann mit ihrer Morgenpflege fertig war, war Michael meistens schon aus dem Haus und zur Arbeit gegangen. Wie oft hatte sie sich darüber beklagt, dass Michael sich morgens nicht einmal ordentlich von ihr verabschiedet hatte…

Michael lag nun jedenfalls nicht mehr auf dieser Seite des Bettes, denn vor einigen Monaten hatte er sich dazu entschlossen mit Sabine durchzubrennen! Sabine war ebenfalls sehr eitel. Und groß. Und hübsch. Und verdammt schlank! Sabine verzichtete nahezu auf alle Nahrungsmittel in denen sich Zucker, Fleisch oder Kohlehydrate befanden. Wenn sie eine Einladung zu einer Party angenommen hatte, stellte Sabine gleich von vorne herein klar, dass sie Vegetarierin war. Mit dieser Erklärung war alles gesagt und niemand fragte weiter nach, wenn sie gelegentlich an einer Möhre knabberte oder sich ein Salatblatt vom Buffet angelte. Woher Ina das alles so genau wusste? Sabine war einmal Inas Arbeitskollegin gewesen und saß früher im Büro nebenan. Michael wollte Ina eines Tages einmal von der Arbeit abholen, was ehrlich gesagt ziemlich selten geschah. Ina hatte gerade noch ein Telefonat zu führen, als Sabine und Michael ins Gespräch kamen. Beide verstanden sich auf Anhieb. Ina erfuhr einige Zeit später fast beiläufig, dass Michael sie nicht mehr liebte und so wurden er und Sabine kurzer Hand ein Paar. Ina wusste gar nicht so recht wie ihr geschah. Sabine hatte kurz darauf ihre Stelle bei Partner & Partner gekündigt, was wohl auch besser für alle Beteiligten war.

Ina war die Verliererin in dieser Beziehung. Sie war alleine zurück geblieben. Das heißt, nicht ganz alleine. Ab und an ging sie schließlich mit dem Mops ihrer Nachbarin Gassi.

»Mit einem Hund lernst du immer Leute kennen, oder du kommst wenigstens in Gespräch mit ihnen!«, sagte ihre Nachbarin eines Tages, als Ina wieder einmal einen schlechten Tag hatte und in einem Berg von gebrauchten Taschentüchern zu ersticken drohte. Die Nachbarin drückte Ina sogleich die Hundeleine samt Mops in die Hand und seither drehte Ina nach Dienstschluss eine ausgiebige Hunderunde mit Frido. Gespräche mit anderen Hundebesitzern waren bisher allerdings sehr übersichtlich geblieben. Wohin sie auch sah, überall schienen nur Pärchen unterwegs zu sein. Es war schrecklich!

Ina sah wieder auf die Uhr, auf ihrem Bildschirmrand. Noch fünf Minuten. Ihr Magen knurrte laut und deutlich. Sie dachte an den Naturjoghurt zurück, den sie zum Frühstück gehabt hatte. Danach hatte sie einen Apfel. Gesund und vegetarisch wollte sie sich fortan ernähren. Nachdem Michael sie nämlich wegen Sabine verlassen hatte, hatte sich Ina an einem Berg von Kartoffelchips und Schokolade vergangen. Das Resultat war natürlich niederschmetternd, was Inas Waage ihr auch bewiesen hatte. Ina beschloss daher eines Tages alles in ihrem Leben ändern zu wollen: Kein Fleisch, keine Süßigkeiten, keine bösen Fette mehr! Mit rein gesunder Nahrung wollte sie den Weg zu einem vermeintlich besseren Ich beschreiten. Gesund, schlank und rank!

Versunken in ihren Gedanken, griff sie sich wie automatisch in ihre Bauchfalte und zog augenblicklich eine Grimasse. Wann hatte sich das ganze Zeug eigentlich auf ihre Hüften gelegt? Ob Michael zurückkehren würde, wenn Ina ein paar Kilo verlieren würde? Vielleicht dann, wenn sie so schlank werden würde, wie es die dürre Sabine bereits war? Ina erschrak plötzlich, denn sie erkannte, dass sie ihren Michael als Lebensgefährten scheinbar auch nach all der Zeit der Trennung noch immer sehr vermisste. Und zwar mehr als es ihr lieb war. Viel zu sehr, für ihren Geschmack!

Ina konnte nicht einmal genau sagen was es war, was sie an ihm so vermisste. Sicher waren es nicht seine Kleidungsstücke, die er überall dort herum liegen ließ, wo er sich gerade ausgezogen hatte. Er hatte ohnehin keinen Handschlag in dem gemeinsamen Haushalt gemacht. Ina seufzte laut. Vermutlich war es schlicht und ergreifend die Anwesenheit ihres Ex, die sie vermisste. Es war niemand da, wenn sie heim kam. Verflixt! Sie hasste ihre Einsamkeit. Das war genau der springende Punkt. Vielleicht sollte sie sich ein Meerschweinchen anschaffen und gut.

Ina sah aus ihrem Bürofenster. Der Himmel war herrlich blau, es war ein so freundlicher Tag und die Sonne strahlte. Sehnsüchtig versank sie in diesem blauen Himmel und schickte einen stummen Wunsch hinauf. Ina wünschte sich einen Partner, dem sie ihr Vertrauen schenken konnte. Ganz und gar. Sie wollte mit ihm lachen und weinen können. Sie wollte ihm eine Stütze sein, ganz so, wie er es für sie sein sollte. Sie wollte mit ihm gemütliche Abende bei Kerzenschein verbringen und sich nachts an ihn kuscheln, um seine Wärme zu genießen. Und sie wollte jemanden, der morgens einmal für sie den Kaffee kochte!

Ina seufzte wieder und ärgerte sich augenblicklich darüber, dass sie sich solchen Gedanken und ihrem Selbstmitleid hingegeben hatte. Sie ärgerte sich darüber, dass sie Michael gedanklich noch immer nachhing. Jeder einzelne dieser Gedanken traf sie mitten ins Herz. Es war an der Zeit, dass das aufhörte. Michael musste endlich raus aus ihrem Kopf und aus ihrem Leben!

Ina schnappte sich ihren Mantel, stellte gewissenhaft ihren Rechner ab und verschloss die Bürotür hinter sich. Dann eilte sie auf das Treppenhaus des Bürogebäudes zu, um zur Mittagspause an die frische Luft zu gelangen. Um den Aufzug machte Ina seit Beginn ihrer Diät einen großen Bogen. Das Treppensteigen gehörte nun seit einigen Monaten ebenfalls zu ihrem alltäglichen Programm, wie auch eine vegetarische und kaloriensparende Lebensweise. Treppenabsatz für Treppenabsatz überlegte Ina, was sie sich zum Mittagessen gönnen sollte. Wobei »sich etwas zu gönnen« für sie während der Diät ein eher dehnbarer Begriff war! Sollte es ein Salat sein?, fragte sie sich und erinnerte sich augenblicklich daran, dass sie erst am Tag zuvor einen Salat hatte und an dem Tag davor ebenfalls und hatte sie den nicht sowieso mindestens einmal am Tag? Ina verzog ihr Gesicht, da sie sich langsam wie ein Karnickel vorkam, weil sie ständig Grünzeug aß! Zu Beginn ihrer Ernährungsumstellung gab ihr Körper extrem seltsame Geräusche von sich, weil er ständig mit Bergen von frischem und rohem Obst und Gemüse konfrontiert war. Inas Gedärm war mit der Menge an Rohkost völlig überfordert gewesen. Dabei hatte sie bisher an ihrem Gewicht noch nicht einmal wirklich viel verloren, was Ina natürlich nicht glücklich stimmte.

Wieder knurrte ihr Magen. Laut und fordernd. Ein Stück Hühnchen wäre jetzt ein Traum, dachte Ina. Doch sofort verscheuchte sie den Gedanken an ein duftendes Stück Fleisch. Ina spürte, wie ihr das Wasser im Mund zusammen lief. Wie hatte Sabine früher nur so hart gegen sich selber sein können? Dabei war sie mit Sicherheit nicht die Sorte Frau, die Vegetarierin aus Überzeugung war. Nein, es hatte eher damit zu tun, dass an dem Stück Fleisch auch nur ein Quadratmillimeter Fett hätte haften können, dass ihr wiederum in null Komma nichts die Figur ruiniert hätte. Nach außen hin machte es sich natürlich besonders gut, wenn sich Sabine gesellschaftlich als gewissenhaft präsentieren konnte. So konnte sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Dieses raffinierte Biest! Ina fühlte sich ertappt. Schon wieder hatten es einer der beiden geschafft sich Platz in Inas Hirn zu verschaffen. Das sollte nun aber wirklich das letzte Mal gewesen sein. So!

Ina zwang sich zu einem Lächeln und kehrte zu ihrem Ursprungsgedanken zurück, dem Mittagessen. Vielleicht sollte es ein Gemüseauflauf werden, der bestimmt gut für die Seele war, obwohl er nicht vollständig mit einer dicken Käsekruste überbacken war! Ina verließ mit das Bürogebäude, trat hinaus ins Freie und blieb für einen Moment lang vor der Tür stehen. Das Wetter war einfach herrlich! Der Himmel war noch immer strahlend blau und nahezu wolkenlos. Ina reckte ihre Nase in die Höhe und schloss für einen Moment lang die Augen. Sie fühlte sich mit einem Mal unglaublich entspannt. Ina lächelte und genoss den Augenblick der inneren Ruhe.

Ihre Entspannung hielt genau so lange an, bis ihre Nase einen ganz besonderen, wunderbaren Duft erschnupperte. Ina riss die Augen auf und sah sich hektisch nach der Quelle um, von der dieser Geruch ausgehen konnte. Dieser Duft war einfach einmalig. Er suchte sich seinen Weg über die Nase und schoss ohne Umwege mitten in ihr Bewusstsein! Ein Geruch wie dieser schaffte es nahezu jeden aus seiner Fassung zu bringen. Vegetarier hin oder her, denn für sie waren sie extra ohne Fleisch gefertigt worden. Sie waren das Must-have bei jeder Gartenparty. Sie wurde zum Genuss für Fleischesser und Veganer: Die Bratwurst!

Gegen eine richtig gut gegrillte Rostbratwurst war ein Diätführer schlichtweg machtlos. Wenn man kleine Kätzchen sieht, erlebt man einen ähnlichen Effekt. Man will sie haben! Im Hirn legt sich dann ein Schalter um, der das normale logische Denken blitzschnell aushebelt. Als Folge daraus hatte man später entweder eine abgekratzte Tapete oder nahm, wie in diesem Fall, die Kalorien in Kauf. So einfach war das! Ina war jedoch völlig verwundert. Nun arbeitete sie schon seit einigen Jahren bei dieser Firma, doch hatte es auf diesem Vorplatz doch noch nie einen Bratwurststand gegeben!?

Ehe sich Ina versah, stand sie mit einem Mal auch schon unmittelbar vor dem Bratwurststand. Wie war das möglich gewesen? Ina blinzelte. Sie konnte sich gar nicht daran erinnern dorthin gegangen zu sein…

Es war nur ein ganz kleiner Stand. Einer von denen, die eine einzige Person vor sich her schieben konnte. Ina blickte wie ferngesteuert auf die Rostbratwürste, die vor ihr auf dem Grill lagen und munter vor sich hin grillten. Einige Würste waren schon ganz knusprig, andere noch relativ blass. Der Duft vernebelte ihr glatt das Hirn und sie konnte irriger Weise schmecken wie es war, wenn sie in eine dieser köstlichen Würste beißen würde. Nur noch ein einziges Mal, bevor sie bestimmt wieder ganz eisern war und ihre Diät durchhalten würde und …

»Was wünschen Sie sich?«, hörte Ina die Worte, die wie durch einen Nebel zu ihr durchdrangen.

»Äh? Oh, Entschuldigung. Was sagten Sie?«

Ina sah irritiert auf und blickte augenblicklich in zwei hellblaue Augen, die sie stumm und lächelnd ansahen. Dieser Blick war herzlich und gütig und gehörte zu einer alten Frau, die hinter dem Grill gestanden hatte und eine Zange in ihrer rechten Hand hielt. Offensichtlich gehörte der Grillstand der Alten! Ina staunte mit offenem Mund.

»Also, wenn Sie sich nicht entscheiden können, würde ich es gerne an Ihrer Stelle tun. Eine Bratwurst bitte!«

Hinter Ina hatte sich einer der Anzugträger aufgebaut, der vermutlich aus einem der angrenzenden Geschäftsgebäude kam. Diese Typen waren immer furchtbar hektisch und der hier hatte es scheinbar ganz besonders eilig. Ohne Ina weiter zu beachten, bestellte er seinen Mittagssnack. Ina schloss den Mund.

Was für ein arroganter Schnösel, dachte sie stumm und sah den Anzugträger zornig an.

Die Alte drehte die vor ihr liegenden Bratwürste nahezu mit aller nötigen Ruhe, ja fast sogar mit Bedacht um. Dann wählte sie eine Wurst aus, als sei es eine ganz besondere und legte sie sorgsam auf einen Pappstreifen, den sie dem Mann mit einem Lächeln überreichte. Die Frau ließ sich von der Hektik dieses Typen keineswegs anstecken, das musste Ina anerkennend feststellen.

Ina war von der Ausstrahlung der alten Frau derartig fasziniert, dass sie ihren Blick einfach nicht abwenden konnte. Die Alte hatte etwas Einmaliges. Da war etwas, das Ina nicht erklären konnte. Sie wirkte so weise. Die Alte hatte fast etwas von einer Hexe. Ina musste über ihre eigenen Gedanken schmunzeln, aber diese Frau wirkte nun einmal nicht wie eine, die einfach so an einem Straßenstand Würstchen grillte! Eine Hexe, dachte Ina immer noch schmunzelnd. Vermutlich war sie längst völlig unterzuckert, wenn ihr solche Ideen in den Kopf kamen.

Aber wie diese Frau diese eine Bratwurst gerade ausgewählt und fast andächtig überreicht hatte? dazu diese kleine Warze auf der Nasenwurzel. Ina hatte nie verstanden, wieso sich die Leute so was nicht gleich weg machen ließen. Das ging heutzutage doch ganz schnell und nahezu schmerzfrei! Etwas von ihrem weißen Haar guckte unter dem Kopftuch der Frau hervor, als wolle es draußen nach dem Rechten sehen.

Die Alte kassierte den Schlipsträger ab. Dann sah sie Ina wieder an. Neugierig. Offen. Es war, als konnte sie direkt in Inas Herz sehen. Ina war seltsam zu Mute. Wieso stand sie überhaupt noch hier? Warum war Ina nicht längst weiter ihres Weges gegangen?

In genau diesem Augenblick durchfuhr Ina ein Ruck, der sie aus dieser Starre befreite. Sie brauchte einen Moment bis sie realisieren konnte, dass gerade eben ein Junge auf einem Motorroller an ihr vorbei gebraust war und bei der Gelegenheit Ina die Handtasche von der Schulter riss und mit sich nahm. Mit offenem Mund starrte sie dem Jungen hinterher. Ina war schockiert und fassungslos zugleich. Erst als sie realisiert hatte, was da gerade mit ihr geschehen war, schaffte sie es um Hilfe zu rufen.

»Das kann doch??! Das ist doch?? HiHILFE!!!«

Dann nahm sie die Beine in die Hand und lief los. Sie rannte dem Typen samt Motorroller nach, was ein völlig sinnloses Unterfangen war, aber etwas musste sie doch tun! Ina lief, so lange ihre Beine sie tragen wollten. Doch leider war das nicht allzu weit. Bald konnte sie nur noch zusehen, wie der Rollerfahrer hinter einem der großen Bürogebäude verschwand. Das war’s. Wie sollte sie den denn jemals einholen? Niemand half ihr. Sie war allein auf sich gestellt. Ina blieb unvermittelt stehen und schnappte nach Luft. Sie spürte ein Stechen in der Leiste und der linke Fuß tat ihr weh. Vor Anstrengung war ihr übel.

»So ein Mist!«, fluchte sie so laut sie konnte und stampfte vor Wut mit dem linken Fuß auf. Dann fluchte sie noch lauter, denn der linke Fuß hatte ihr doch schon Schmerzen bereitet!

Mit gesenktem Kopf ging sie langsam zurück in Richtung Bratwurststand. Ihre Augen brannten und sie füllten sich mit heißen Tränen der Enttäuschung. Ausgerechnet sie. Ausgerechnet diese Handtasche. Ausgerechnet heute! Diese Handtasche war nicht nur sündhaft teuer gewesen. Ina hatte sich damals regelrecht in sie verliebt, als sie sie kurz nach ihrer Trennung von Michael im Schaufenster gesehen hatte. Diese eine Handtasche hatte sie sich damals regelrecht gegönnt, um sich etwas Gutes zu tun. Und jetzt war sie weg. Gestohlen. Inklusive Handy, Geldbörse und Lippenstift. Dabei hatte sie nicht mehr als zehn Euro in ihrer Börse. Ihre Papiere waren natürlich auch in der Handtasche.

Mist! Mist! MIST!

Dem Ganzen folgten nun teure Gänge zu diversen Ämtern. Das alles dafür, das der Dieb vermutlich nur die zehn Euro nahm und vielleicht auch noch ihr altes Handy. Alles andere würde er vermutlich wegschmeißen. Die Tasche würde in einem Gebüsch landen. Oder in einem der Stadtseen. Vermutlich war es nur ein Rötzlöffel gewesen, der etwas Aufregendes erleben oder sein Taschengeld aufbessern wollte. Es war zum Heulen!

Eine heiße Träne kullerte über Inas Wange, aber das interessierte sie nicht mehr. Das war einer der Momente, in denen es ihr ganz egal war, wie sie aussah, oder was andere Leute denken mochten. Ina stampfte sie noch einmal auf. Dieses Mal mit dem gesunden Fuß. Sie fragte sich, was sie eigentlich verbrochen haben konnte, dass sich scheinbar alles gegen sie verschworen zu haben schien. Ina blieb stehen und hielt sich beide Hände vor das Gesicht. Der Damm war gebrochen und sie konnte nicht mehr anders, als ihren Tränen freien Lauf zu lassen.

»Heee! Kommen Sie, Kindchen. Ist doch alles gar nicht so schlimm, mmh?«, hörte Ina eine Stimme neben sich. Diese Stimme klang so warm und weich, dass die Worte allein sie schon trösten wollten. Ina atmete tief, rieb sich mit ihrem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht und sah in die blauen Augen der alten Frau, die noch immer hinter ihrem Bratwurststand war. Ina wunderte sich über nichts mehr. Die Augen der Alten sahen so gütig zu Ina, dass es sie tief in ihrem Herzen berührte. Ina suchte instinktiv nach einem Taschentuch, doch die waren ja auch in der geklauten Tasche. Na toll!

»Darf ich?«, Ina sah schniefend auf den Stapel mit den Servietten, der auf dem Grillstand lag.

»Aber sicher Kindchen!«, sagte die alte Frau und Ina nahm sich eine der Servietten von dem Stapel, um sich die Nase zu putzen. Sicherheitshalber nahm sie sich noch eine zweite, um sich die Augen trocken zu tupfen und von ihrem Augen-Make-up zu retten, was noch zu retten war.

»Nehmen Sie eine!«, sagte die alte Frau und hielt Ina eine Bratwurst auf einem Pappschildchen hin. Ina zögerte. Dann schüttelte sie entschuldigend den Kopf. Sie wollte sich dem Fleischgenuss nicht hingeben und mit diesen Kalorien war selbst der kleine Diäterfolg, den sie hatte, gleich wieder in Gefahr. Und bezahlen konnte sie auch nichts!

»Nehmen Sie. Nehmen Sie, genießen Sie und Sie werden sehen, dass alles wieder gut wird!«, sagte die Alte, als ahnte sie, welchen Kampf Ina gerade mit sich ausmachte. Ina sah wie hypnotisiert in die Augen der Frau. Dann sah sie auf die Wurst, die sie bereits in ihrer Hand hielt. Die Rostbratwurst duftete und sie war genau so gegrillt, wie Ina sie am liebsten aß. Es lag sogar ein kleiner Klecks Senf daneben. Ina lief das Wasser im Mund zusammen. Sie schniefte. Wem wollte sie eigentlich etwas vormachen? Und wozu? Ina war doch eine lebenslustige Frau in den besten Jahren! Sie hatte ihr leben immer gern genossen. Und hatte nicht Michael schon versucht ihr ein Korsett anzulegen? Musste sie es ihm auch noch nachmachen? »Tue dies nicht, tue das nicht und koche bloß den Kaffee!«, hallten seine Worte in ihren Ohren. Was für ein Blödsinn! Ina wollte ihr Leben wieder in die Hand nehmen und sie wollte es auch endlich wieder genießen! Ja, sie wollte endlich wieder leben!

Ina spürte, wie gerade ihr Rücken mit einem Mal wurde. Ihr Blick wurde klarer. So klar, wie er schon seit Monaten, ja vielleicht seit Jahren, nicht mehr war. Ina lächelte und nahm dankend die duftende Bratwurst an. Dann biss sie hinein. Der Geschmack war einfach göttlich! Für einen Augenblick schloss Ina ihre Augen und genoss ihren ersten Bissen mit allen Sinnen. Dann öffnete sie die Augen wieder und sah der alten Frau in ihre himmelblauen Augen. Die Alte verstand. Sie nickte und lächelte Ina wissend zu. Auch Ina lächelte und flüsterte ein leises »Danke«.

Jemand in Inas Rücken räusperte sich.

»Entschuldigen Sie, aber ist das vielleicht Ihre Tasche?«

Nina wandte sich abrupt um und sah den Anzugträger vor ihr stehen, der sich vorhin an diesem Stand noch vorgedrängelt hatte und der ihr so arrogant vorgekommen war. Er atmete schwer und hielt Inas geliebte rote Handtasche in seiner rechten Hand. Ina konnte nicht glauben was sie sah.

»Ja? aber ja! Wie haben Sie?? Woher??«, stotterte sie halb fragend, halb lachend.

Dabei hielt sie ihre Bratwurst noch immer noch fest in der einen Hand, während sie zögerlich mit der anderen Hand zur Tasche griff. Der Anzugträger sah Ina an und lächelte freundlich. Er sah gar nicht so schlecht aus, fand Ina und spürte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg.

»Sie haben Senf am Kinn!«, sagte der Taschenheld. Ina gab dem Mann kurz die Tasche zurück, um sich mit dem Handrücken über das Kinn zu wischen. Sie sah ihm lächelnd und dankbar in die Augen. Die Röte in ihrem Gesicht nahm zu. Ina hatte das Gefühl in seinen Augen versinken zu können.

»Woher wissen Sie denn, dass das meine Tasche ist und wie haben das angestellt?«, wollte Ina unbedingt wissen.

»Das ist eine längere Geschichte!«, antwortete der Anzugträger lachend.

»Haben Sie Lust und Zeit einen Kaffee trinken zu gehen? Dann erzähle ich sie Ihnen!«, fragte er vorsichtig. Ina nickte. »Aber zuerst will ich die hier noch genießen. Das ist meine erste gegrillte Rostbratwurst seit langem!«, antwortete Ina. »Woran liegt das?«, wollte der Fremde wissen.

»Das ist eine längere Geschichte. Aber wenn Sie noch Zeit haben, erzähle ich sie Ihnen gerne später!«

Ina lachte. Der Fremde lachte. Und die alte Frau lächelte auch, doch das nahmen die Beiden nicht wahr. Die Alte nickte, löste die Bremse von ihrem Grillwagen und begann damit ihn langsam weiter zu schieben, bis sie nicht mehr zu sehen war.

Am nächsten Tag lief Ina in der Mittagspause gleich beschwingt aus ihrem Büro. Ihr Weg führte sofort auf den Vorplatz vor dem Gebäude, um die alte Frau mit ihrem Grillwagen zu suchen. Ina hatte einen kleinen Strauß Blumen besorgt, um sich bei der Alten noch einmal dafür zu bedanken, dass sie sie zum glücklichsten Menschen der Welt gemacht und sie mit Heiner, dem wahnsinnig netten Schlipsträger, zusammen geführt hat. Doch die Alte kam nicht. Da sie auch an den folgenden Tagen nicht mit ihrem Grillwagen erschien, hatte Ina versucht etwas über die Ämter in Erfahrung zu bringen. Irgendjemand musste die alte Frau mit ihrem kleinen Grillwagen kennen. Doch die alte Dame, Inas und Heiners Glücksbringerin, war unauffindbar.

Niemand kannte sie.

Das Grillen auf diesem Vorplatz war schlichtweg verboten, sagte Ina die Dame vom Ordnungsamt. Ina legte den Hörer auf die Gabel und sah lächelnd aus dem Fenster ihres Bürogebäudes.

Dann sah sie in den blauen Himmel und schickte ihrem Blick ein »Danke!« hinterher.

»Danke, von ganzem Herzen!«

© Emily (November 2014)

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43 Gedanken zu „Ein himmlisches Würstchen!

  1. Pingback: Wahnsinnig schönes Erlebnis: Mein Märchen in Hamburg | Emily's Blog

  2. ….. bei den letzten Sätzen hatte ich Gänsehaut … bis zum Nacken hoch!
    Suuuper! ….
    Deine Geschichte hat mich ganz schön gefesselt und es wundert mich ÜBER.HAUPT.NICHT. , dass ich jetzt gerne eine Bratwurst hätte…
    (vorm Frühstück) – versteht sich 😀

    Danke DIR … und herzlichen Glückwunsch!

    Zauberhafte Grüße … Katja

  3. Liebe Emily, einfach märchenhaft schön ❤
    Die Hamburger haben Dir den dritten Platz gegeben, von mir bekommst Du für dieses tolle Märchen den 1., weil: ERST-Klassig ❤
    Sei von Herzen gegrüßt von der ♥ Pauline ❤

  4. Liebe Emily, nun habe ich sie gelesen und ich muß Dir ganz ehrlich sagen, sie hat mein Herz berührt, diese Geschichte, die Du so märchenhaft gut verpackt hast und ich denke, es ist vollkommen richtig, daß Du für sie auch einen so tollen Preis erhalten hast.

    Herzliche und liebe Grüße von Bruni

    • Liebe Bruni, ich danke dir von ganzem Herzen ♥
      Ich bin auch immer noch ganz begeistert und es freut mich ganz besonders, dass meine Worte gefallen und dich berührt haben.
      Vielen lieben Dank dafür und ganz liebe Grüße, Emily

  5. Dazu sind Märchen da. Eigentlich um Kindern die Welt zu erklären, sie zu beschützen vor dem Bösen und auf die Ungewissheiten des Lebens vorzubereiten. Für Erwachsene gilt das genau so.

    Ina, die sich zuerst als Verliererin sieht. Bei Licht betrachtet, was in einem Trennungsfall für die oder den Getrennten nicht einfach ist, ist sie wohl eher die Gewinnerin. Sicher kann man in der morgendlichen Eile gewisse Tätigkeiten für den Partner oder die Partnerin erbringen. Allerdings sollte es nicht einem Dienstmagd- oder Dienstbotendasein enden.

    Wenn es allerdings so einfach wäre: Raus aus meinem Kopf und fertig. Dann wird alles gut. Immer diese frommen Wünsche. Wer nicht aktiv wird, verharrt in der alten Starre und ergibt sich seinem Schicksal.

    Und sie hat es erkannt. Lebe! Lebe dein Leben. Es wird dir so gut tun, wie du es dir vorher nicht hast vorstellen können.

    Und kaum ist die Welt wieder klarer aus und schon geht es im Leben weiter. Und wie es weiter geht.

    Hoffentlich war die Bratwurst eine grobe Bratwurst.

    Liebe Grüße, Charles

    • Neee, das war eine feine Bratwurst. Daran kann ich mich noch gut erinnern!
      Danke für deinen schönen Kommentar, und genau so ist es wohl. Wir nehmen unser Leben in die Hand, wenn wir es schaffen uns zu bewegen und wieder nach vorn zu sehen. Aber das kann nur jeder für sich selbst entdecken.

      Liebe Grüße, Emily

  6. Eine wundervolle Geschichte. 🙂

    Eines möchte ich jedoch gerne anmerken: „..Ina war die Verliererin in dieser Beziehung. Sie war alleine zurück geblieben..“

    Man ist kein Verlierer, wenn man eine Beziehung verliert. Derjenige, der einen verlässt, ist es dann einfach nicht wert. In solchen Momenten ist man als Zurückgebliebener eher ein Gewinner. 😉

    • Herzlichen Dank für deinen lieben Kommentar. Du sagst es, man ist absolut kein Verlierer und genau das sollte das Ende des Märchens auch zeigen. Vermutlich muss man einen ähnlichen Weg schon einmal gegangen sein, um das nachfühlen und verstehen zu können. Manchmal muss man steinige Wege gehen, um eine viel schönere Landschaft sehen zu können, als man sie zuvor kannte. Ich freue mich, wenn du das auch so siehst 😉

  7. Liebe Emily, habe eben erst das >Wahnsinnig schöne Erlebnis< gelesen, w-u-n-d-e-r-s-c-h-ö-n … für mich wäre die Geschichte erster-preis-verdächtig, aber ich bin leider nicht in der Jury. Ich konnte neben 'Ina' stehen und alles miterleben! Eine zauberhafte Geschicht!
    Rose

    • Ich danke dir ❤ ❤ ❤ Es freut mich so sehr, wenn dir die Geschichte gefallen hat. Das war ein unglaublich schönes Erlebnis!
      Heute Abend lese ich sie als Weihnachtsgeschichtenersatz 😉

      Alles Liebe zu dir, deine Emily

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