Meetingpoint

„Holla hatte der Chef heute schlechte Laune!

Zur Arbeitskreissitzung kommt er verspätet rein, wobei er irgendwas von „bei Schnee können die Leute alle kein Auto fahren“ grummelt und knallt 5 cm Literatur auf den Tisch, die er selbst nicht lesen will und sie deshalb mir zum Lesen rüberschiebt.

Wortlos nicke ich kurz, um ihm zu signalisieren, dass das Papier bei mir in guten Händen ist. Vermutlich glaubt er wirklich, ich würde den ganzen Quatsch lesen. In Wahrheit befinden sich die Papiere bei mir nur unter Aufsicht. Bei mir bekommt der Stapel ein schönes warmes Nest auf meinem Schreibtisch mit einer Verweildauer von genau sieben Tagen ohne je umgeschoben, durchgeblättert oder gar gelesen zu werden.

Anschließend verschwinden sie an einem sicheren Ort zur Verwahrung. Wenn er jemals Fragen dazu hat (was alle Jubeljahre mal vorkommt) kann ich immer noch damit glänzen, dass ich weiß, wo die Literatur liegt.

So wie ich das sehe, habe ich dem Chef Arbeit abgenommen, nur das zählt und dafür werde ich bezahlt. „Und was gibt’s von Ihrer Seite??“, fragt der Chef, während er am Protokollblatt rumfingert.

Wie üblich war ich als erstes dran und ich starte berechnender Weise mit der Urlaubskarte. Sein Gesicht verdunkelt sich direkt um eine  Nuance, doch zu meiner Überraschung unterschreibt er dieses mal ohne seine sonst ach so lustigen Kommentare wie: „hm, ob ich das genehmigen kann?? ?Fällt das denn nicht genau in den Zeitraum vom Projekt x ?? Urlaub in den Prüfungswochen? Wissen die anderen Mitarbeiter das??“.

Die Unterschrift hätten wir also, denke ich mir, das Wichtigste ist gesichert und schiebe die Karte tief in meine Arbeitsmappe. Jetzt kann ich ja mit den Finanzen kommen. Die sehen gar nicht gut aus.

Mit dem Wort „Finanzen“ reiche ich ihm den Ausdruck aus der Excel Übersichtstabelle rüber und warte seine Reaktion ab.

Ein-Wort-Sätze werden immer beliebter, die sind so schön interpretierbar in alle Richtungen, das habe ich aus der B.ild-Zeitung gelernt.

„Das ist aber ganz schön viel weniger geworden“, sagt er unsicher, während er versucht, die relevanten Werte aus der Tabelle herauszufischen.

Ich kontere damit, dass es nur so aussähe, weil ich diesen einen Posten dort mit aufgenommen hätte und der ja so nicht stimme, weil dort noch kein Geldeingang stattgefunden hat und bei den beiden Drittmittelprojekten ja die Personalkosten mit einfließen würden, die ja aber Firma X bezahlen würde und außerdem seien das die Zahlen vom 31.12.und nicht die aktuellen, weil die Verwaltung bräuchte ja eh immer am Jahresanfang ewig und Sie wissen doch wie langsam die seien. „Ah ja, ja genau!“.

Sein Gesicht hellt sich erleichtert ein wenig auf.

„Sonst noch was?“

Tja, da hab ich wohl bei der Arbeitsgruppe was gut. Keine Ansprache von wegen Geld verdienen, Firmen akquirieren, potentiellen Geldgebern und Bettelbriefe für kostenlose Materialien für Hochschulen schreiben. Mal sehen, wie ich das ausnutzen kann.

Ich schlage die Arbeitsmappe eine Seite weiter und sehe, dass Firma Y unbedingt dringend letzte Woche noch einen Kostenvoranschlag für Analysen haben wollte. Vor Schreck vergesse ich potentielle Kuchen und Plätzchengaben von den Kollegen und schlage das Papier eine Seite weiter um weitere Themen zu sichten.

„Nein, nichts weiter, sonst habe ich nichts“, höre ich mich sagen und schlage zur Sicherheit nochmal ein leeres Arbeitsmappen-Feld auf um zu zeigen, dass da auch wirklich nichts ist. Mein Sitznachbar ist nun an der Reihe, um über sein Projekt zu reden und ich lehne mich etwas entspannter zurück. In der Regel kann man die nächste halbe Stunde seinen Gedanken nachhängen, aber nicht heute!

Ungläubig höre ich meinen Kollegen sagen: Nichts neues bei mir, bin immer noch im Stadium 2. Ich schaue zum Chef rüber, aber offensichtlich weiß er Bescheid. Mir ist schleierhaft, was Stadium 2 wohl zu bedeuten hat, aber meine Gleichgültigkeit gegenüber dem Projekt gewinnt gegenüber meiner Neugierde mit einem klaren 1:0. Kommentarlos geht es der Reihe nach weiter. Der nächste Kollege hat nichts wesentliches zu berichten, was mich nicht wundert, aber da er ein Schwafelheini ist, braucht er gefühlte zehn Minuten um sagen, dass er nichts auf der Hand hat. Dem Chef gefällt das nicht, aber irgendwie fehlt ihm heute ganz offensichtlich der Schwung, Predigten zu halten und er begnügt sich damit, das Thema „Zeitplan einhalten“ innerhalb von fünf Minuten abzuhandeln.

Unübersehbar ist er nun wieder in dem Gemütszustand zurückgefallen, den er hatte, als er den Raum betreten hat. Nun ist er selbst an der Reihe.

Dass zwei Mitarbeiterinnen krank sind trägt nicht dazu bei, die Laune von ihm irgendwie zu verbessern. Ich kann mir denken, was die beiden Kranken haben: Die haben Schnee! Heute gab es Schneefall und die beiden Damen haben schon früher mehrfach betont, wie fürchterlich es ist, bei Schnee Auto zu fahren. Sie reden zwar von Husten, Halskratzen oder ähnlichem, aber in Wahrheit haben die einfach nur Schnee. Während ich dem Gedanken folge, bei wie viel Zentimeter wohl meine Schmerzgrenze liegen würde, um nicht mehr mit dem Auto zu fahren, höre ich den Chef sagen: „Nun, dann sind wir ja früh durch heute.“

Allen Anwesenden stehen sichtbar Fragezeichen auf der Stirn, aber ich erkenne die Gunst der Stunde, klappe meine Mappe zu und stehe auf. Als ich gerade die Türe öffnen will, ruft der Chef hinter mir her: „Ach äh, Herr Altfritz, wie war denn das noch mit Firma Y, denen müssen wir unbedingt einen Kostenvoranschlag schicken und fragen Sie doch mal nach, was die Konkurrenz so nimmt!“

„Kriegen Sie, Chef, mach ich!“ und verschwinde schnell, bevor ihm aufgeht, dass er genau diesen Satz vor drei Wochen schon einmal gesagt hat.“

(Gastbeitrag von Herrn Jan Altfritz)

Danke! Ich finde deinen Beitrag großartig – mehr davon!

Alles Liebe,

die Emily

20 Gedanken zu „Meetingpoint

  1. Ich mußte schon heftig grinsen, als ich deine Story las…köstlich und unterhaltsam. Das kannst du wirklich sehr gut.
    Das braucht man nicht nur Montags – Danke, liebe Emily.
    Liebe gutgelaunte Grüße von
    Isis

    • Erzählt habe ich sie dieses Mal nicht. Ich habe sie genau so übernommen.
      Vielleicht schreibt der Autor ja noch einmal eine Fortsetzung. Wer weiß?!

      Danke und herzliche Grüße von der Emily

  2. Hallo Emily,
    eine Geschichte aus dem wirklichen Leben. Inkompetente Chefs die sich nicht bewusst sind, dass eigentlich die Mitarbeiter ganz wesentlich zum Geschäftserfolg beitragen.
    LG Harald

    Ich habe mal folgenden Satz gehört: „Das Einzige was bei Besprechungen herauskommt sind die Leute die hineingehen.“ Alles klar?

  3. Wie aus dem richtigen Leben (in meiner alten Abteilung). Mit besten Grüßen an Jan Altfritz – gibt es solche Schwafelheinis eigentlich in jeder Abteilung? 😉
    Schönen Abend!

  4. das war fuer mich sehr amuesant zu lesen. du machst deine sache gut 😉

    tja, schnee….was kann ich dazu sagen? da muss man durch ob man will oder nicht. aber manche trauen sich einfach nicht bei schnee auto zu fahren. ist ja auch kein vergnuegen.aber sich deswegen krank zu melden finde ich schon ein bisschen fies.

    liebe gruesse
    Sammy

    • Zur Zeit haben wir wieder einen vollständigen Wintereinbruch. Das Fahren macht da nicht wirklich Spaß. Aber das kennst du sicher auch 😉
      Es freut mich, wenn du Spaß hattest!

      Liebe Grüße, Emily

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