Im Fahrtwind verloren

Gerade bin ich mit meinem KfZ auf dem Weg zu meiner Arbeitsstelle. Bei dem Bäcker meines Vertrauens habe ich mir,  in aller Eile, zuvor schnell noch ein riesiges Milchhörnchen gegönnt. Eingepackt, in eine Papiertüte, liegt es auf dem Beifahrersitz neben mir und wartet nur darauf endlich verspeist zu werden.

Meine Wegstrecke ist mit Tempo 70 ausgeschildert. Leider habe ich, seit gefühlten 20 km, eine Fahrerin vor mir, die vermutlich den Tempomaten ihres Kleinwagens bei Strich 49 km/h eingeschaltet hat. Die Straße ist frei und wunderbar einsichtig, aber gut. Sie will es so.

So schnappe ich mir also meine Tüte mit dem Milchhörnchen und ziehe sie rüber auf meinen Schoß.

EIGENTLICH esse ich ja nicht im Auto. Ich bin eher von der Marke Krümelmonster, daher kann ich im Anschluss gleich alles rund um mich herum absaugen.

So, in diesem Fall kann ich einfach nicht länger warten.

Ich ziehe das Hörnchen vorsichtig aus der Tüte, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. Sachte breche ich ein Stück ab und summe den Song mit, der gerade aus dem Radio dudelt. Und da wir ja gerade so schön langsam und entspannt
fahren, kann ich mir auch ein wenig die Gegend ansehen.

Leider geht das mit der Krümelei auch schon los. Kurzerhand lasse ich das Fenster runter, um die Krümel von der Brötchentüte abzuschütteln. Der Fahrtwind ergreift sie sofort. Die Tüte macht sich augenblicklich selbstständig und ich kann ihr kauend nur noch nachsehen.

Na toll! Jetzt habe ich nicht einmal mehr meine Krümelunterlage. Mist!

Ich muss auflachen. Bei dieser Aktion fällt mir doch tatsächlich eine alte Geschichte ein.

Damals, es ist wirklich schon viele Jahre her, war ich mit meinem Freund in Portugal unterwegs. Wir befuhren mit dem Auto eine Landstrasse in der Pampa und fingen irgendwie an uns zu zanken. Ich fuhr und er saß mit einer Landkarte neben mir. Die Karten früher waren ja riesig groß, wenn man sie einmal auseinandergefrickelt hatte. Meist hat man versucht, das befahrene Gebiet einzugrenzen, in dem man die Karte passend faltete. In diesem Moment versuchte er auf der Karte wohl erst einmal grob die Gegend zu finden, in der wir gerade umher fuhren.

Unser Auto war klein, im Radio erzählte ein Portugiese eine spannende Geschichte, die keiner von uns verstand. Beide Seitenfenster waren geöffnet und der Wind fegte durch das Auto. Nur so war die Hitze gut zu ertragen, denn das Auto hatte keine Klimaanlage. 

Er meckerte und nörgelte und ging mir mit dieser Meckerei schrecklich auf die Nerven.

Er versuchte mir etwas auf der Karte zu zeigen.

„Ich weiß nicht, ob du es schon gemerkt hast, aber ich fahre gerade dieses Auto! Und das ziemlich schnell. Sag mir
einfach, wie ich fahren soll. Ok?!“ So, oder so ähnlich war damals meine Antwort.

Ehe er mir antworten konnte, erfasste der Wind die Karte und zog sie aus dem Beifahrerfenster. Ich sah sie im Rückspiegel davon fliegen.

Wir sahen uns an und plötzlich musste ich laut los lachen. Ich weiß nicht, ob ich über die Situation oder über sein Gesicht lachen musste. Jedenfalls konnte ich nicht anders.

Ich lachte. Er nicht.

Er: „Könntest du vielleicht wohl mal anhalten?“

Der Wind am Atlantik kann manchmal ganz schön viel mit sich tragen.

Ich: „Klar, könnte ich. Aber die Karte findest du doch im Leben nicht mehr.“

Ich bremste und fuhr an den Seitenstreifen. Er stieg aus und ich sah im amüsiert nach.

Ich musste schon wieder lachen. Natürlich kam er ohne Karte zurück. Er war jetzt so richtig in Fahrt. Ich bemühte mich darum einigermaßen ernst zu bleiben und gab wieder Gas. 

Er war stocksauer und sprach kein einziges Wort.

Ich konzentrierte mich auf alles was möglich war, um mich abzulenken. Es nutzte nichts. Laut prustete ich wieder los und hielt mir sogleich die Hand vor den Mund. Ich sah kurz zu ihm, doch er biss sich zäh auf die Unterlippe.

Mir kullerten vor Lachen schon die Tränen über die Wange. „Hächz, tut mir echt leid…aber ich kann nicht anders!“, lachte ich weiter.

Ich lachte so lange, bis wir an eine Gabelung dieser Landstraße kamen. Das Tagesziel kannten wir, aber die Orte, die auf dem Schild standen, so überhaupt nicht.

Eine Karte wäre jetzt schon hilfreich gewesen. Das Geheimnis behielt ich allerdings besser für mich!

Von rechts knirschte es: „Links.“

Die Gegenwart holte mich wieder ein, als die Frau vor mir in eine andere Richtung abbiegt. Langsam steuere ich meinen Wagen in die Parkzone. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht 😉 

Habt einen schönen sonnigen Tag und

alles Liebe,

die Emily

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16 Gedanken zu „Im Fahrtwind verloren

  1. Jau, diese alten, vermaledeiten Karten mit der Vielfachfaltung. Schauderhafte Dinge – im Auto.
    Zu Hause sah immer alles klar und deutlich aus. Aber unterwegs waren es plötzlich Schnittmuster mit Nähanleitung.
    So kommt es also zur Verschmutzung der Straßen, indem man seine Tüte in den Wind hält, endlich weiß ich es… pruuuuuuuuust
    Deine amüsierte Bärbel

    • Wie gut, dass es die Navis gibt. Ehrlich! Kartenlesen war eh nicht so mein Ding. Da konnte man schnell auch mal ganz woanders raus kommen 😉 Der Vergleich mit dem Schnittmuster ist gut. Genau so war es! Und richtig, so kommt der Müll auf die Straße!
      Hab einen schönen Tag und liebe Grüße!

  2. Pingback: facebook und so « henseleit III – Nicht schlecht!

  3. Hallo liebe Emily,

    eine schöne Geschichte. Schade, dass Du das Geheimnis nicht erzählt hast.

    Ich kann mir gut vorstellen, wie Du im Auto gesessen und innerlich geflucht. Wenigstens hast Du Dir Deine gute Laune nicht verderben lassen und mit dem Radio gesungen. Villeicht kam ja gerade dieses Lied. http://www.youtube.com/watch?v=VjVqaM2OF9A

    Liebe Grüße und einen schönen Abend
    Harald

    • So schnell verliere ich die gute Laune nicht! Mit Geheimnis meinte ich, dass ich ihm auch hätte sagen können: „Mit einer Karte wären wir jetzt besser dran.“ Aber so war ich lieber still. Ich wollte es nicht auf die Spitze treiben 😀

      Danke für den Song und komm‘ gut in die neue Woche!

      Liebe Grüße, Emily

  4. herrlich, deine Geschichte!! :Iol:
    Zu den Falt-Straßenkarten fällt mir auch eine Geschichte ein. Vor Jahren … ich wohnte noch in Köln … (und dachte noch gar nicht an ein Navi) … hatte mein Hamburger Freund in mühevoller Kleinarbeit eine Straßenkarte durch Hamburg gebastelt und zusammengeklebt, weil ich nicht durch den Elbtunnen fahren wollte. Trotz intensivem Einprägen der Örtlichkeiten mußte ich dann doch dieses unhandliche Papier zur Hand nehmen, um mal nachzusehen, wo ich nun eigentlich war. Kurz: ich hatte mich trotz allem so was von verfranzt!! Nächste Parklücke angefahren und einen Hilferuf per Handy losgelassen (das hatte ich aber schon, zum Glück) … und dann hat er mich dort aufgelesen und durch Hamburg gelotst.

    • Das ist aber lieb von ihm! Das Basteln und das Lotsen natürlich! Ach, liebe Rose, was können wir doch froh sein heute auf ein Navi zurück greifen zu können. Oder? Auf einer Karte sieht doch alles gleich aus und nur deswegen hast du dich auch verzettelt 😉
      Eine schöne Geschichte. Danke dir dafür!

      Liebe Grüße zum Montag, Emily

    • Ganz recht. Lustiges Abenteuer! Wobei ich mich in einem fremden Land immer darum bemühe, etwas der jeweiligen Sprache zu erlernen. Mit ein paar Brocken kann man sich dann nämlich schon ganz gut verständigen.

  5. Hehe, eine schöne Geschichte. Und da hätte wirklich jeder gelacht, sollte man denken, ich musste jedenfalls gerade. Vielleicht nicht so ausführlich und langanhaltend wie du, aber es muss einfach nur witzig ausgesehen haben. :mrgreen:

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