Spaziergang oder Gewaltmarsch?

Als Tom und ich in Berkastel-Kues eintrafen, brachten wir unser Gepäck in das Hotel und stiefelten gleich los in die historische Altstadt. Unser Plan war es, bis zum Zisterzienserkloster Machern zu marschieren. Laut der Empfangsdame des Hotels war es ja auch nicht weit. Höchstens 3,8 km! Also machten wir uns auf den Weg, schließlich hatten wir lang genug im Auto gesessen.

Die Mosel floß ruhig an unserer Seite und viele Schwäne begleiteten uns ein Stück auf dem Weg nach Bernkastel.

Wir überquerten die erste Brücke und gingen in die Altstadt. Es war ziemlich frisch und ein kleiner Imbiß war zwischenzeitlich ebenfalls wünschenswert. Bevor wir also zum Kloster aufbrachen, mußte dringend noch ein Häppchen her!

Bernkastel lag ruhig zu unseren Füßen. Fast alle Geschäfte waren zur Mittagszeit geschlossen und doch entdeckten wir ein Café, mit einem kleinen Gewölbekeller und ließen uns zu Flammkuchen und Riesling nieder. Und da waren sie wieder, unsere Lebensgeister.

Es konnte weiter gehen. Mal eben die 3,8 km abspazieren.

Der Weg sah sooooo schön aus!

Die Sonne zeigte sich zwar, aber es war dennoch ziemlich schattig. In Graach, dem nächsten Ort, planten wir sicherheitshalber noch einen Zwischenstopp ein. Ein aufwärmender Kaffee oder ein Glas Wein sollte uns den weiteren Fußweg noch gemütlicher machen.

Ich: „Übrigens, in Graach ist heute noch ein St.Martins-Umzug. Das ist bestimmt nett! Vielleicht können wir uns das auf dem Rückweg noch ansehen?!“

Wir liefen eine ganze Weile an der Mosel entlang. Niemand kam uns entgegen. Es war so still und ruhig. Kaum zu glauben, daß niemand unseren Weg kreuzte.

Als Graach vor uns lag hatten wir das Gefühl, als wären wir schon ziemlich lange unterwegs gewesen.

„Das waren doch bestimmt schon 4 km!“, meinte Tom anerkennend.

„Tun dir etwa schon die Füße weh?“, foppte ich ihn und lachte. Aber Tom wollte nichts dergleichen zugeben.

Wir verließen den kleinen Wanderweg und bogen in Richtung Hauptstraße ab, um den Weg nach Graach einzuschlagen.

Auch über diesem Dorf lag eine absolute Stille. Wir sahen uns an und konnten es kaum glauben. Es war keine Menschenseele zu sehen. Geschweige denn, ein (wünschenswertes) Licht in den Lokalen. Nur in einer komischen kleinen Hütte brannte soetwas wie eine Funzel, aber da wollten wir nicht einkehren.

Ich: „Die schlafen sich bestimmt alle aus. Für heute Abend, wenn der große St. Martinsumzug steigt!“

Tom: „Meinst du, die Feier läuft hier mit mehr als 1 Person? Hier ist kein Mensch. Vermutlich eröffnet „St. Martin“ morgen auch noch die Karnevalssession für sich selbst!“

Wir amüsierten uns und liefen weiter, auch ohne Getränkeversorgung in Richtung Kloster.

Unterwegs witzelten wir darüber, daß wir vermutlich überhaupt die Einzigen waren, die an diesem Tag unterwegs waren.

Tom sah mich wenig später an: „Jetzt, wo wir schon etwa 6 km marschiert sind, hoffe ich nur, daß das Kloster heute keinen Ruhetag hat…“

Ich: „Neeee. Die haben immer auf. Bestimmt. Also hoffentlich.“

Tom sah mich wieder an. Zweifelnd.

Ich lächelte und hoffte weiter.

Von unserem Weg aus konnten wir mit einem Mal einen großen Hof sehen.

Ich: „DAS sieht doch gut aus. Sollen wir da noch mal einkehren?“

Tom: „Das sieht aus wie ein Pflegeheim.“

Ich: „Meinst du? Neee, guck‘ mal. Da bewegt sich doch etwas! Da…hinter dem großen Fenster.“

Er grinste: „Bewegt sich aber sehr sehr schleppend…“

Wir marschierten die Böschung hoch und überquerten wieder die Straße, um zu dem großen Hof zu gelangen. Im Eingang standen viele Flaschen zum Befüllen und Teile von Gäranlagen.

Ich: „Guck‘ mal. Hier gibt es zumindest ein Glas Wein. Oder so.“

Er: „Das glaube ich noch nicht.“

Vor uns lag ein sehr schöner großer Hof, mit vielen Bänken und Tischen und hier trafen wir auch eine junge Frau.

Tom: „Entschuldigung, aber können wir hier vielleicht einkehren?“

Sie lachte: „Nein. Hier wird zwar Sekt hergestellt, aber wir haben hier eine Pflegeheimeinrichtung.“

Tom triumphierte innerlich. Ich konnte es ihm ansehen.

Und soooo verließen wir diesen schönen Ort wieder. Mit trockener Kehle.

Ich bin ja eher meistens Berufs-Optimistin: „Ist doch schön, noch ein bisschen zu laufen. So haben wir wenigstens Bewegung und frische Luft!“

Er: „Mmmmh. wir laufen ja auch erst seit 8 km.“

Ich lachte: „Nein! Das sind doch nur 3,8 km hat die Hotelfrau gesagt.“

Er: „Im Leben nicht! Wir laufen schon seit 8 km. Mindestens. Wenn es nicht sogar schon 9 sind! Und die Sonne geht auch gleich unter.“

Ich sah zum Horizont und mußte ihm Recht geben. Die schmalen Wanderwege waren nicht wirklich mit Laternen gesäumt.

Ich: „Der Rückweg wird bestimmt spannend.“

Er: „Wir fahren Taxi.“

Ich: „Meinst du, hier fahren welche?“

Sein Gesichtsausdruck war jetzt schwer zu deuten.

Nach einer ganzen Weile Fußmarsch, kamen wir an eine Brücke.

Er: „Da in der Nähe muß es ja jetzt eigentlich sein. Obwohl wir vermutlich schon 11 km gelaufen sind.“

Ich lachte: „Es werden ja immer mehr! Nein. Das kann hier noch nicht sein. Die Hotelfrau sagte etwas von der Schleuse. Das ist hier noch nicht.“

Das bestätigte dann auch eine Dame, die wir unterwegs nach dem Weg fragten.

Und dann auch noch ein alter Herr, der uns den Weg gewiesen hatte. Leider mußten wir wieder ein Stück zurück, um wieder nach vorn gehen zu können.

Und irgendwann… nach gefühlten 18 km sahen wir es: Das Kloster Machern.

Zugegeben, es war noch weit entfernt. Aber wir konnten es sehen.

Und hoffentlich, hoffentlich hatte es geöffnet, wenn wir nach 23 km endlich dort eintreffen sollten!!!

(Fortsetzung folgt)

Emily on tour

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16 Gedanken zu „Spaziergang oder Gewaltmarsch?

  1. Es ist eigenartig, wenn man sich nicht auskennt, meint zu suchen, und keinen echten Plan hat, kommt einem der Weg immer erheblich länger vor. Das kenne ich auch.
    Aber zu dem Kloster sind wir damals nicht gelaufen.
    Bin gespannt auf den nächsten Bericht. Aber dass sie euch im Altenpflegeheim nichts anboten, erstaunlich. Die haben doch garantiert eine Küche, Die Leute müssen doch versorgt werden.

    • Der Weg ist das Ziel. Heißt es nicht so? *g
      Und dieses Ziel hat seine Wirkung mit Sicherheit nicht verfehlt. Wir haben unterwegs so viel gelacht. Ok, ich hab gelacht und Tom hat Kilometer gezählt. Menschen kamen uns ja kaum entgegen. So haben wir uns wenigstens den Flammkuchen abgearbeitet!

    • Na jaaaaa, etwas mehr als 3,8 km waren es tatsächlich. Aber wir waren ja auch nicht fußkrank. Insofern war die Strecke machbar. Wenn auch haarscharf an der Grenze;-)

  2. Sehr schön geschrieben! – Ich liebe solche Entdeckungsreisen, vor allem die, in denen es früher oder später Wein gibt.

    – Aber da ich manchmal als Textpolizist unterwegs bin, komme ich nicht umhin, darauf hinzuweisen, dass Tom einmal Michael genannt wird. Wie wäre es, wenn wir uns auf Karsten einigten – Bernkarsten? :mrgreen:

    • Danke für dein liebes Schreibkompliment. Das freut mich wirrklich sehr!
      Danke dir auch für den Namens-Hinweis, das ist Bernkarsten auch aufgefallen :mrgreen:

  3. Wow, 234 Kilometer an einem Tag, das ist schon ganz schön viel! Ich hoffe wirklich, ihr konntet noch einen erfrischenden Umtrunk erhalten. Wenn ihr dann mit dem Taxi zurück gefahren seid…war das nicht unglaublich teuer, bei der Strecke?

    • Wir waren nahezu gänzlich ausgedörrt, als wir auf allen Vieren am Kloster eintrafen! Und es wäre doch schäbig gewesen, hätte man in einem Brauhaus kein Bier gekostet, oder? Geht ja gar nicht!
      Das Taxi hatten wir glücklicherweise nicht gebraucht, wir haben noch den vorletzten Bus ergattert. Reisebus 😉

    • Danke dir, meine Liebe. Selbstverständlich habe ich schon entsprechende Korrekturen vorgenommen.
      Wir sind heile zurück und wieder voll in der Arbeitswelt angekommen. Daher kommt jetzt alles bröckchenweise.

    • Echt?! Och, wie schön!!!! Das ist ja toll! Kannst du auch Trauben pflücken gehen, wenn im Büro mal gar nichts mehr geht?
      Die Fortsetzung hast du sicher schon gelesen 😉 Ich arbeite mich jetzt vor!

      Viele liebe Grüße zu dir, Emily

    • Jacqui hat gestreikt! Er wollte seine warme Fensterbank nicht verlassen. Hast du da noch Worte? Er meint, ich solle ihm etwas mit Wärme und Sonnengarantie besorgen. Da macht man nix!

      Liebe Grüße zu dir!

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