Begegnungen II – Nachdenkliches

Noch immer saß ich auf der Bank mit den drei Damen. Zwei zu meiner Rechten, die sich über Gott und die Welt ausließen und eine eher ruhige Dame zu meiner Linken. Na ja, ich war ja auch nicht gerade gesprächig.

Sie: „Die Ruhe tut gut, nicht wahr?!“

Dabei sah sie kurz mich an und dann auf’s Meer hinaus.

Auch ich sah wieder auf das Meer hinaus: „Ja, das finde ich auch. Ich sitze nun schon eine Stunde hier und genieße einfach nur diesen Ausblick.“

Sie sprach weiter, während sie den Blick weiter auf das Wasser richtete: „Kennen Sie die Masuren?“

Ich konnte spüren, wie sie gedanklich in eine längst vergangene Zeit abtauchte.

Ich: „Nein, da war ich noch nie.“

Sie: „Ich war dort früher oft. Mit meinem Mann. Er hat in einer Glasfabrik gearbeitet, wissen Sie? Da war es immer laut und sehr staubig. Er hat sich nie beklagt, aber ich habe immer gemerkt, wenn es ihm nicht gut ging. Die Lautstärke hat ihm nicht gut getan. Da, in der Fabrik.“

Sie sah mich kurz an, lächelte und schaute dann wieder auf das Meer hinaus und fuhr fort.

„Wenn wir dann einmal Urlaub hatten, fuhren wir in die Masuren. Dort bin ich als Kind groß geworden. Mein Mann und ich waren noch jung. Meine Güte, waren wir jung…“, sie lächelte und ich war mir sicher, daß sie gerade schöne Bilder vor ihrem geistigen Auge hatte.

„Wir wohnten in einem kleinen Haus. Dort gab es nicht einmal fließend Wasser. Wir haben uns am Ufer des Sees gewaschen und gebadet. Wissen Sie, das war so herrlich. Wir hatten ein ganz kleines Boot, mit dem wir oft raus gefahren sind. Nach dem Baden sind wir auch auf das Boot. Wir haben uns einfach in die Sonne gelegt und uns mit dem Boot über den See treiben lassen. Einfach so…“

Ich spürte, wie sehr sie diesen Moment der Vergangenheit genoß und nun konnte ich ihre Bilder ebenfalls vor meinem geistigen Auge sehen.

„Am späten Nachmittag hat er dann meistens gefischt und später saßen wir mit den Nachbarn gemeinsam am Ufer und zündeten ein Lagerfeuer an. Einer brachte so etwas wie eine Quetschkommode mit und wir haben gesungen. Ob wir die Lieder kannten oder nicht, aber wir hatten so viel Freude miteinander! Wir haben so viel gelacht, geschlafen, uns geliebt.“

Sie sah mich an und ich konnte erkennen, daß ihre Augen feucht waren.

„Wissen Sie? Das war Urlaub!“

Ich verstand sehr gut, was sie mir sagte. Und sie sprach mir ja, im Grunde genommen, aus der Seele.

Heute haben wir doch alles und doch kaum etwas. Haben wir ein Ziel erreicht, versuchen wir das nächste zu erklimmen. Schneller, weiter, höher, mehr. Wir spüren das Gefühl von Fremdbestimmung, selbst dort, wo wir
abspannen wollen. Überall Telefon, Hektik und Freizeitstress, Internet, E-Mails empfangen und senden, überall erreichbar sein, überall selbst erreichen. Das Handy am liebsten noch mit zur Toilette nehmen. Bloß nichts
verpassen. In der Hoffnung, das Leben nicht zu verpassen.

Wann soll der Geist denn Ruhe finden? Eben nur dann, wenn wir ihm Raum dafür gönnen. Wenn wir Zeit dazu haben. Ist es dann, wenn er die Ruhe braucht? Hören wir das überhaupt?

Wie oft ziehen die Tage vorbei und wir haben es gar nicht realisiert. Huch?! Schon wieder Weihnachten? Neujahr? Ostern?

Ich nickte. Dann bedankte ich mich bei ihr und ging an den Strand. Ich zog endlich meine Schuhe aus und lief durch den Sand.

Jetzt brauchte ich wirklich etwas Ruhe und Zeit für meinen Geist.

Eine wundervolle Begegnung war das und noch schöner, daß ich Zeit für sie hatte…

Habt ein wunderschönes Wochenende und nehmt euch Zeit dazu.

 

Alles Liebe,

Emily

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30 Gedanken zu „Begegnungen II – Nachdenkliches

  1. Du schreibst mir aus der Seele! Ich hatte diese Woche viele Gespräche mit Menschen, denen es grade zu hektisch ist und die zu wenig Zeit haben für die wirklich Wichtigen Dinge im Leben. Es bleibt viel zu viel auf der Strecke. Es tut gut, ab und zu innezuhalten und bewusst die Ruhe zu genießen.

    Danke für Deine Gedanken zum Wochenende!
    Lass es Dir gut gehen!
    Caramellita

    • Liebe Caramellita,
      wir müssen innehalten und die Ruhe genießen. Vielleicht müssen wir genau das nur wieder lernen. Alles andere haben wir uns doch auch angeeignet. Manchmal muß man sich vielleicht auch fragen, für wen oder was tut man das eigentlich alles?! Wie kann andauernde Hochleistung nur bewundernd wirken?
      Vielleicht ist die Zeit aber auch reif dafür, genau das endlich zu beenden.

      Von Herzen gerne & alles Liebe.

      Genieße das Wochenende!!

      Emily

  2. … ja … Du bist bestimmt sehr lange durch den Sand gelaufen… Ruhe und Zeit für den Geist… wie gut ich das verstehen kann. Wie gut das viele verstehen und sich doch wieder ins Hamsterrad stellen (müssen)… *seufz*
    Drückerle Heidi

    • Das Hamsterrad gehört in den Schrott! Liebe Heidi, niemand wird je sagen: „Toll, wie sie im Hamsterrad gestrampelt hat!“ Wir haben keine 2. Chance eines Tages alles anders zu machen. Wir sollten genießen, was wir geschenkt bekommen haben. So gut es geht.

      Drück dich, Emily

    • Das war es wirklich und es paßte perfekt in den Augenblick. In die Situation. In diese Zeit.

      Freut mich, wenn DU mitgekommen bist :o) und auch dir ein schönes Wochenende!

      • Manche Menschen trifft man. Und man muss sie gar nicht kennen, um doch etwas mit sich zu nehmen, wenn man weitergeht.

        Das sind die kleinen Highlights des Alltags. Ohne sie wäre das Leben ein ganzes Stück ärmer.

        • Das hast du schön gesagt. Es ist wichtig, diese Highlights nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Und es ist auch wichtig, sie zuzulassen. Denn sie regen doch sehr an und schenken manchmal mehr, als man es für möglich hält.
          Carpe diem.

  3. liebe emily, solche begegnungen sind schön. und nachdenken muss von zeit zu zeit sein, damit man immer wieder mal, das, was in einem ist, neu sortiert. und dazu braucht man zeit. und ruhe. die du jetzt hast. ich wünsche dir eine richtig gute zeit, dort oben am meer.

    kennst du das buch: spaziergang am meer von joan anderson? falls nicht, lies es!

    liebe grüße, katerwolf

    • Liebe Katerwolf, ich glaube, wie du übrigens auch, daß wir diese Gedanken immer wieder in uns tragen. Wir beschäftigen uns im Grunde ständig mit der Auszeit, Pause, Entspannung. Wir sehnen uns danach. Nur nicht gerade jetzt, nicht heute und ach ja, morgen ist es auch schlecht.
      Dabei ist JETZT der einzig richtige Moment. Wir müssen hier und da möglicherweise nur immer mal wieder erinnert werden. Und das ist mir glücklicherweise passiert.

      Danke für den Buchtipp und liebe Grüße, Emily

  4. Das war eine sehr nachdenklich machende Geschichte oder Erzählung und ich merke, dass ich auch allmählich viel in der Vergangenheit lebe – es ist ja auch schon viel mehr hinter mir als vor mir, da gibt es nichts dran zu rütteln.
    Lieben Gruß an dich!

    • Liebe Clara, da bist du mit Sicherheit keine Ausnahme. Wir leben oft in der Vergangenheit und oft auch in der Zukunft. Dabei verpassen wir die Gegenwart. Je älter wir werden, umso mehr haben wir erlebt, auf das wir zurück schauen können. Dazu kommen die Gefühle und eindrucksvollen Situationen, aus denen wir unsere Erfahrungen geschöpft haben. Und doch beginnt immer wieder ein neuer Tag, der uns herrliche Momente schenken kann. Wenn wir sie zulassen und nicht die To Do-Liste drüber stülpen.

      Alles Liebe zur dir und ich drück dich, Emily

  5. Herzige Geschichte und sehr nachdenkenswert.
    Alte Leute haben immer viel zu erzählen und es ist fast immer sehr spannend, manchmal auch traurig.

    Dir auch ein schnes Wochenende und liebe Grüße

    Marianne ♥

    • Sie haben viel zu erzählen. Mal spannend, mal traurig, mal umwerfend lustig und komisch. Das sind Geschichten, die mir ein Mensch erzählt. Ein Mensch, der mir mit seinen Augen und seinem Gesicht wahnsinnig viel schenken kann. Und genau das, kann ein Computer nie leisten. Egal wie viele Bites sich in ihm verbergen 😉

      Alles Liebe, Emily ♥

  6. Ich denke, die Dame war dir unheimlich dankbar, dass du ihr zugehört hast.
    Und auch du konntest davon profitieren, indem du an die Einfachheit erinnert wurdest.
    So gesehen hatten wir Glück, dass der Internet-Stick im Urlaub nicht so wollte wie er sollte. Und wir sind erst am zweitletzten von 12 Tagen mal für kurze Zeit ins Internet gekommen, herrlich war das. Und vermisst habe ich nix.
    Denn unsere Tage waren wunderbar ausgefüllt.

    • Liebe Bärbel, der Moment war sicherlich auf beiden Seiten zauberhaft. Sie hat mir unglaublich viel geschenkt. Und mit ihrer Geschichte, die sie mir gegeben hat, habe ich gleichzeitig alles weiter gegeben. Ist das nicht toll?

      Wir sollten mit dem hektischen Alltag das Wesentliche nicht verpassen. Und das ist das Leben!

  7. Still, ganz still bin ich jetzt und ich gönne mir die Momente der Zeit, über deine Erzählung nachzudenken. Sie ist voll, voller Impulse für das eigene Leben. Manches Mal sind zu viele Worte fehl am Platze und genau deswegen sage ich jetzt nur Danke, Danke für diese Lesemomente.

    • Das hast du sehr schön geschrieben. Danke dir dafür. Ja, diese Frau hat mit ihrer Geschichte viel gegeben. Und auch ich bin ihr dafür sehr dankbar.

      Genieße das Wochenende.

  8. Ja stimmt, heute geht alles zack zack zack und ab zum nächsten Termin…
    Wir haben uns selbst zur Geisel gemacht…
    Alleine schon das Handy, man muss 25 Std. täglich erreichbar sein… Frühstück und Mittag durch *lol*

    Ich wünsche dir ruhige Tage!
    LG von kkk

    • Genau so ist es. „Nur mal schnell E-Mails lesen…“ Interessant war es neulich in einem Restaurant. Einige haben sich kaum unterhalten, aber ständig am Handy rumgespielt.
      Wird Zeit, daß die Fesseln gelockert werden! So.

      Hab ein schönes Wochenende & liebe Grüße, Emily

  9. Ja, das ist Glück. Das unvergessliche Glück der erlebten Erinnerung, die einem niemand mehr leben kann. Eine wunderbare Geschichte, liebe Emily. Und was ist für uns heute Urlaub? Urlaub, an den wir später noch mit glücklichem Herzen denken würden, so wie die alte Dame? Wieviel Urlauber würden heute noch in einer Ferienwohnung ohne fliessend Wasser ihren Urlaub verbringen, ohne sich zu beschweren und per Rechtsanwalt den Reisepreis zurückzufordern? Wieviel Urlauber würden sich das Abendessen selbst angeln ohne sich zu mokieren, dass es keine Pizza, kein Büffet und kein M.D.oof gib? Welche Urlauber wären mit Musik von der Quetschkommode zufrieden, statt sich in Discos, Freizeitparks, bei Ballermannpartys oder Mega-Events zu vergnügen? Wieviel Urlauber suchen sich Masuren als Reiseziel aus? Urlaub und Glück, ja, das sind zwei Worte, die zusammengehören.
    LG von Rosie

    • Liebe Rosie, vielen Dank, für diesen schönen Kommentar. Die Frage ist auch, was erwarten wir von unserem Urlaub? 24h Bespaßung? Nur keine Gerichte, die zum jeweiligen Land gehören? Deutschen Kaffee? Franchiseketten suche ich ohnehin nicht auf. Wenn ich in ein fremdes Land fahre, möchte ich auch Land & Menschen kennenlernen. Dazu gehört nicht wirklich die Erdbeertorte. Der Dame ging es darum, Zeit mit ihrem Mann in Friedlichkeit, Ruhe und Glück zu verbringen. Vielleicht färbt die Vergangenheit ihre Erinnerung. Aber diese Farben sind traumhaft schön. Es reicht eine Picknickdecke in den Weinbergen, eine Flasche Wein und Käse in den Bergen, ins Wasser springen, wenn die Sonne untergeht.
      Ja, Urlaub und Glück, das sind zwei Worte, die zusammengehören ;o)
      Viele liebe Grüße, Emily

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