Bitte nicht weghören oder -sehen!

Ich bin noch immer ganz strubbelig. Am späten Nachmittag saß ich auf der Terrasse und schnippelte Äpfel, als ich einen Schrei hörte. Ich war ganz in Gedanken und plötzlich sofort da. Ich stellte meine Schüssel ab und lauschte.

Hatte ich mich verhört?

„Hilfe!! Hilfe!!“, schrie wieder jemand. Es schien eine Frau gewesen zu sein. Ich rief laut: „Was ist passiert?“

Die Frau rief nur: “ Mein Mann!!“

Ich lief augenblicklich rein und schnappte mir das Telefon. Schnell lief ich damit raus und rief den Notruf an. Ich hatte keine Ahnung, woher der Schrei tatsächlich kam. „Hallo? Sind Sie noch da?“, ich rief nach dieser Stimme. Erhielt aber keine Antwort.

Wir leben hier in einer netten kleinen Siedlung, aber ich konnte zuvor einfach nichts lokalisieren. Es war ja nichts zu sehen.

Der Polizist, der den Notruf entgegen nahm, fragte nach Details, dich ich ihm nicht geben konnte. Ich lief über die Straße, nannte ihm eine Hausnummer und sagte zu, daß ich dort warten würde. Gleichzeitig rief ich nach dieser Person. Doch ich hörte nichts mehr. Ich hatte auch keine Ahnung, ob ich dort überhaupt richtig war.

Eine Nachbarin und ihr Sohn kam ebenfalls zu mir. „Hast du schon den Notruf gerufen?“, wollte sie wissen. Ich nickte und blickte nervös über die Straße.

Nun standen wir gemeinsam dort und lauschten, doch wir hörten nichts mehr.

Aber wir sahen Nachbarn, die neugierig und vorsichtig ihre Nasen in unsere Richtung reckten. Sie ließen sich nicht von ihrem Sonntagskuchen abbringen.

Gegenüber wurde weiter gekocht, wir konnten das Geschirr klappern hören, während die Eltern auf dem Balkon saßen. Daneben sah man Fußball…

Niemand war irritiert, aber sie mußten es gehört haben! Sonst hätten sie doch nicht zu uns herüber geschaut.Neugierig.

Die Polizei kam und ich konnte nur wage Hinweise geben.

Kurz darauf kam der Notarzt.

Und siehe da, als das Blaulicht parkte, kamen auch die Nachbarn heraus. Das Kochen wurde unterbrochen und auch der Fußball war nicht mehr ganz so wichtig.

Wie geht das?

Wie kann man so tun, als wäre nichts, wenn jemand laut um Hilfe schreit?

Wie kann man dann auch noch vor die Tür kommen, um alles aus nächster Nähe beobachten zu können?

In einer kleinen Siedlung, an einem ruhigen Sonntagnachmittag.

Wie abstoßend!

Emily

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39 Gedanken zu „Bitte nicht weghören oder -sehen!

  1. Ehrlich gesagt versteh ich das auch nicht und gibt mir zu Denken.

    Ich hoffe, dass alles gut wird und finde es sehr gut wie du gehandelt hast.

    GLG Marianne 😉

  2. Das ist ja zum Kotzen. Erst so tun, als sei nix, aber die Neugier siegt halt doch.
    Als der Unfall meines Mannes war, da kam sofort eine Frau von gegenüber, die den Knall gehört hatte und half kräfitg mit, von wegen Decke zum drunterlegen und so weiter. Ich was so dankbar, dass sie so beherzt zupackte und mir wunderbar half.
    Konnte denn die Familei gefunden werden? Hoffentlich geht es dem Mann und auch seiner Frau wieder besser. Denn die Angehörigen sind ja dann meist auch mehr als angegriffen mit ihren Nerven und Sorgen.

    • Die Polizisten konnten die Familie finden. Ein kleines Haus, in einer Seitenstraße. Die Frau wußte nicht was sie tun sollte. Der Mann hatte wohl „nur“ einen Schwächeanfall. Nachdem die Polizisten noch einmal zu mir kamen, bin ich rein gegangen. Nee, das geht gar nicht!

  3. leider wird viel zu oft weggehoert, auch bei uns. Niemand will sich irgendwie einmischen, aber dann neugierig sein, das gehoert sich dann wirklich nicht. Entweder du hilfst, wenn du kannst oder du bleibst dann daheim. Aber nicht so. Ich finde dich super, dass du geholfen hast und drueck der Frau und ihrem Mann die Daumen, dass es ihm bald wieder besser geht

    • Das hoffe ich für die beiden auch. Ich finde das ganz schrecklich. Im vergangenen Sommer stürzte ein Junge auf der Straße mit dem Rad. Ich habe das zunächst gar nicht mitbekommen. Schließlich kann ich die Straße auch nicht einsehen. Nur hören. Er schimpfte dann aber über die Nachbarn, die ihn vom Balkon aus dabei beobachteten, wie er sich das Blut abwischte. Man kann doch wenigstens fragen, ob jemand Hilfe benötigt!
      Vielleicht kann man nicht direkt helfen, aber nur seine Sensationslust ausleben, ist einfach abartig.

  4. Liebe Emily,
    das ist so typisch und es passiert sicher hunderte Male am Tage. Man muss sich nur einmal die zahlreichen Reportagen darüber zu Gemüte führen. Ich finde, du hast vollkommen umsichtig und überaus korrekt gehandelt. Selbst wenn es kein wirklicher Notfall gewesen wäre – lieber einmal zuviel angerufen als einmal zu wenig.

    Du kannst und darfst für dein Handeln stolz sein, auch wenn du es vielleicht als Selbstverständlichkeit ansiehst. Für viele Menschen ist es das nämlich nicht.

    Ich wünschte, es gäbe mehr von deiner Sorte. Ganz lieber Gruß zu dir von Mandy

    • Jetzt machst du mich ganz verlegen. Ich wollte mein Handeln keineswegs rühmen. Ich hatte zunächst sogar die Sorge, jemand hatte sich vielleicht einen miesen Spaß erlaubt. Aber so verlief alles gut und zur richtigen Zeit. Die arme Frau war völlig aufgeschmissen. Ist ja auch logisch, der Schock saß tief.

      Mich nervt diese Ich- & Mecker-Gesellschaft so was von an…

      Danke für deine herzlichen Worte & liebe Grüße an dich, Emily

  5. Gut, dass du gleich so gehandelt hast, liebe Emily. Auch „nur“ ein Schwächeanfall kann fatale Folgen haben.

    Und die Reaktion der Nachbarn – rote Karte!!

    Herzlich,
    Anna-Lena

    • Man weiß vorher ja auch nicht, was am Ende passiert. Wenn es harmlos gewesen wäre, hätte sie ihren Mannn sicher ins Auto verfrachtet oder ein Taxi gerufen und wäre ins Krankenhaus gefahren.
      Ich hoffe, daß Hilfe da ist, wer auch immer sie nötig hat.

      Viele liebe Grüße an dich, Emily

  6. Liebe Emily,

    weghören und Wegsehen ist am einfachsten. Was würden die darüber denken, wenn sie selber in einer solchen Situation wären. Ich finde so was einfach Sch….

    Ich finde gut, wie Du reagiert hast. Lieber den Notruf einmal zu viel rufen, als einmal zu wenig.

    Wir waren am Samstag auch froh über Hilfe (s. mein Blog Schreck…)

    Liebe Grüße und eine gute Woche für Dich
    Harald

    • Ich habe deinen Eintrag gelesen. Das hat mich gleich erinnert. Panik hatte ich auch, so ist das nicht. Zuerst stand ich ja allein auf der Straße und nichts war mehr zu hören. Aber wie du schon sagst, lieber einmal zu viel den Notruf wählen, als einmal zu wenig.

      Dir auch eine gute Woche und liebe Grüße an dich,
      Emily

  7. Ich kann mich den anderen nur anschließen und finde es sehr richtig, wie Du gehandelt hast. Leute, die weghören und Sensationsgaffer gibt es bereits genügend. Liebe Grüße und einen schönen Start in die Woche.

    • Was geht nur in den Leuten vor, wenn sie dann vor die Tür kommen, um nachzusehen, wer da abtransportiert wird und wie? Ich befreife das einfach nicht.

      Auch dir eine schöne Woche & liebe Grüße!

  8. ich sage nur einen Satz: Du hast dich phantastisch verhalten und kannst stolz sein, …. auch wenn es für dich eine Selbstverständlichkeit war … GlG, Rose

    • Ach nee, das macht mich eher verlegen. Es macht mich auch traurig, daß die Leute sich so verhalten.
      Dabei sind wir doch angeblich alle so „nah“ beieinander! Alles heiße Luft, wie fürchterlich.
      Danke & liebe Grüße an dich Rose!

  9. Liebe Emily, ich finde auch, dass Du Dich toll verhalten hast – auch bzw. gerade weil es für Dich selbstverständlich ist… Deine Geschichte hat mir echt Gänsehaut gemacht… Viele Menschen haben einfach Angst, in etwas hineingezogen zu werden und machen dann lieber gar nichts, traurig traurig… Ich bin da eher wie Du, ich bleibe z.B. auch immer auf der Skipiste stehen, wenn jemand hingefallen ist und frage, ob alles in Ordnung ist. – als ich neulich mal einen kleinen Auffahrunfall mit dem Auto hatte, ist genau EIN Auto stehengeblieben und der Fahrer hat nett gefragt, ob jemand verletzt ist und er helfen könne… die anderen haben gehupt oder sich geärgert, weil wir ein wenig im Weg standen… Aber ich finde, jeder Mensch zählt, der hilft und aufmerksam sein und hier auf Deinem Blog gibt es ganz viele davon… Alles Liebe Andrea

    • Danke, für die lieben Worte Andrea. Ich glaube daran und ich weiß, daß es viele Menschen gibt, die nicht wegsehen. Die Angst spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Angst davor, etwas falsch zu machen oder Konsequenzen tragen zu müssen. Die hatte ich auch, keine Frage. Ich habe meine Nachbarin gebeten, mich nicht alleine zu lassen 😉 Aber besser so, als so zu tun, als wäre nichts passiert. Wie gut, daß du die Erfahrung gemacht hast, daß sich jemand gekümmert hat. Das zählt.
      Viele liebe Grüße, Emily

  10. Puuuh das ist ja heftig!
    gut, dass zumindest Du richtig reagiert hast.

    Liebe Grüße und einen schönen Wochenstart
    Katinka

    PS. Stimmt, ein heißes Bad nach dem laufen ist herrlich! Und Massage klingt auch gut 🙂

  11. Ich finde es gut, dass du gehandelt hast, liebe Emily. Auch, wenn alles doch noch gut gegangen wäre – es war richtig und auch mutig, weil manche Rettungskräfte auch mal mosern, wenn das alles nicht ganz offensichtlich ist, oder Personren betrifft, wo man lieber abwinkt.
    Die passiven Gaffer, die oftmals am Ende den Rettungskräften noch im Wege stehen, gibt es leider überall. Und da, wo man anderes erwarten sollte, gerade. Ich habe auch mal in einer solchen Siedlung gewohnt.

    Liebe Grüße von der Gudrun

    • Du, ich war selbst so aufgeregt. Wenn die mich angemosert hätten, hätte ich zurück gemosert. So viel steht mal fest 😉
      Ja ja, die schöne heile Welt…

      Viele liebe Grüße an dich, Emily

  12. Ui, ich muss ja zugeben, dass mir das ans-Fenster-Eilen in den letzten Jahren ein wenig vergangen ist…
    Ich wohne recht zentral und an einer relativ großen Hauptstraße. So oft, wie hier jemand rumkreischt und manchmal auch um Hilfe ruft (!) – aber im Spaß – ist echt nicht mehr schön. Die ersten 50 Mal bin ich noch wie blöd zum Fenster gelaufen und hab geguckt.
    Inzwischen überlege ich schon zweimal, ob ich gucken gehe…

    Wie gut, dass DU schnell und beherzt reagiert hast, liebe Emily!

    • Ganz ehrlich – wenn die Mädels um drei Uhr nachts jeden Freitag und Samstag angetüdelt aus der sehr nahe gelegenen Radau-und-mega-In-Kneipe auf der Straße laut „Hüüüüülfe! Hüüüülfe!“ kreischen, weil sich irgendein Bengel an sie heran pirscht oder ein Spässle sich mit ihnen erlaubt, dann schrecke ich schon längst auch nicht mehr aus dem Bett hoch. Ich merke aber als „erfahrene Innenstadt-Bewohnerin“ mittlerweile doch auch am Ton, ob ein Hilferuf ernst gemeint ist oder nicht. Und habe während der letzten Jahre einige Male nicht gezögert, die Polizei anzurufen, wenn ich von meinem Beobachtungsposten am Schlafzimmerfenster aus den Eindruck hatte, dass es sich um eine ernste, wenn nicht sogar Notsituation handelte…

    • Nachdem ich mit dem Telefon und dem Notrufmann am anderen Ende draußen war, und ich noch mal nach dieser Stimme rief und nichts hörte, kam ich mir auch komisch vor. Dann hörte ich irgendwo Fußballgegröhle und hatte schon die Befürchtung, mich wollte jemand vernatzen. Als meine Nachbarin dazu kam, bat ich sie darum, mich nicht alleine zu lassen.
      Da war ich Schisser!

      Hab eine gute Woche, liebe Michaela!

      • Liebe freidenkerin: Um den Zustand meiner Zivilcourage muss ich mir zum Glück (noch) keine Sorgen machen – ich bin fast immer die erste, die irgendwo eingreift, wenn was los ist. Mein Menne und meine Ma haben schon immer Angst, dass ich irgendwann abgestochen werde und versuchen, mich davon zu überzeugen, dass man manchmal auch abwägen muss. Das schlimmste, was mir mal als Quittung für mein Nicht-Weggucken passiert ist, war ein Schlag ins Gesicht von einem Fascho. Trotzdem mische ich mich noch ein, also denke ich, ich befinde mich wie gesagt noch im grünen Bereich.

        Wünsche uns allen eine schreckenslose Woche! 🙂

        • Liebe Michaela, ich bin fest davon überzeugt, dass du sehr viel Zivilcourage dein Eigen nennst. Zum großen Glück für deine Mitmenschen – nur, sei bitte auf der Hut und gib‘ auf dich acht, ja. 😉
          Oh ja, ich hoffe sehr, dass wir allesamt eine schreckenslose Woche verleben dürfen.

  13. Es ist schon erschreckend, wie egoistisch und kalt die Menschen geworden sind. Man schaut lieber weg, lieber versteckt man sich gar, nur nicht irgendwo hineingezogen werden, nach der Devise „kümmere dich selbst um deinen Kram…“. Aber, wenn dann Andere sich bereits engagiert, gekümmert haben, da siegt dann doch die geile Sensationslust und alle werden zu Paparazzi! Schlimm ist das.
    Wünsche Dir eine ruhige Woche ohne Aufregungen, Emily!
    GLG

    • Wie gut, daß es noch Menschen gibt, die das anders sehen und damit sicher auch nicht aufhören werden. Nicht wahr?!
      Hoffentlich haben die Leute Glück, wenn sie Hilfe brauchen.
      Hab auch du noch eine schöne Woche, meine Liebe!

  14. Schon erschreckend mal wieder festzustellen, wie andere abwarten, bis endlich jemand die Verantwortung übernimmt und sich kümmert. Aber was du da erlebt hast, ist ein typisches Paradebeispiel.
    Es freut mich, dass du beherzt genug warst, um dich zu kümmern bzw. Hilfe zu leisten!

    • Ja hey…der Angelo! Schön von dir zu lesen, mein Lieber! Ich hoffe, es geht DIR gut!?
      Abgesehen davon war das Erlebnis wirklich fürchterlich und ich hoffe inständig, daß das nicht typisch war. Hoffnung stirbst zuletzt, nicht wahr?!

  15. Ja, das ist heftig, liebe Emily…
    Die Menschen hoffen drauf, dass andere das eh machen ~ so wie du eben. Diese Menschen leben aber ihr Leben nicht wirklich… wie sollen sie da auch für andere da sein können?
    Dass trotzdem dann immer gegafft wird, wundert mich… so sind die Menschen eben… vielleicht sind sie dann froh und beruhigt, dass sie nicht betroffen sind…

    Nachdenkliche Grüße zu dir,
    Elisabeth

    • Wenn es so ist, daß sie hoffen nicht betroffen zu sein, kann ich das Verhalten gut verstehen. Alles andere allerdings kaum.
      Wichtig ist, daß es dem Mann relativ gut zu gehen scheint. Er ist noch im Krankenhaus, aber es geht wohl bergauf.

      Danke & herzliche Grüße, Emily

  16. Wir hatten hier vor mehreren Jahren mal eine Situation, in der ein Kind verletzt war (und es erst mal eine ganze Weile gedauert hat, bis ich realisiert habe, dass es nicht „einfach nur“ das viel-schreiende Nachbarskind gewesen ist. _Als_ ich dann darauf aufmerksam wurde, dass tatsächlich etwas passiert ist, sah ich aber auch schon, dass schon einige Nachbarn gelaufen kamen, darunter auch ein Arzt. Da bin ich dann auch im Haus geblieben, denn ich verabscheue nichts mehr als schaug.eile Leute, die allen im Weg stehen, nur damit sie hinterher was zu erzählen haben.

    So long,
    Corinna

    • Hallo Corinna!
      Von diesen Schaug.eilen gibt es reichlich. Ich kann mir selbst einfach nur nicht vorstellen, wie man neben dem leidenden Menschen stehen und zusehen kann, um nur nichts zu verpassen. Ich kann diese Sensationslust nicht nachvollziehen.
      Danke für deinen Kommentar, das zeigt, dass es auch viele Menschen gibt, die das nicht brauchen.

      Viele Grüße an dich, Emily

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