Bürogeflüster

Ach ja, heute sollte Emily mal ein bisschen Berieselung erfahren. War mal so angedacht. Heute stand nämlich ein Seminartag an. In erster Linie war es meine Aufgabe, mir mal den Dozenten und das Seminar anzusehen. Es ging darum, dass die Mitarbeiter etwas für ihre tägliche Arbeit daraus mitnehmen können. Zwar habe ich ein klitzeklein Wenig mitorganisiert, aber ich bin ansonsten nicht weiter beteiligt. Hin und wieder stehe ich auch schon mal auf der anderen Seite, daher genieße ich es jetzt, einem anderen zuhören zu können. Insbesondere deswegen, da ich an einem Montag Morgen noch nicht so ganz im Berufsalltag stehe. Die Woche ist ja schließlich noch jung.

Die Stimmung ist allseits positiv. Das Thema Fußball beherrscht die Wartezeit bis zum Beginn des 1. Seminarteils. Punkt 8:45 Uhr kann es auch losgehen.

Vorstellungsrunde. Haken, erledigt

Dozent: „Frau Rosensteuz, was erwarten Sie von dem Seminar?“

Hm? Ich auch? Ok.

Ich gebe meine Wünsche zu Besten und hoffe doch, dass der Typ so gut ist, dass er mir mit diesem Seminar meine Arbeit erleichtert. Alibifrage. Haken, erledigt

Der Dozent legt los und meine Gedanken schweifen gleich wieder ab. Irgendwie ist es gestern doch später geworden als ich dachte und ich spüre, dass die Müdigkeit noch in meinen Knochen sitzt.

Dozent: „Ähm, Frau Rosensteuz?! Können Sie mir bitte von dem Satz hier mal schnell 20 Kopien machen? Habe ich gerade leider nicht mehr geschafft. Ach und auch tackern? Ja? Geht das?“

Hallo? Haben wir uns nicht richtig vorbereitet?

Ich: „Aber sicher! Mache ich doch gerne.“

Doof, jetzt bekomme ich einen Teil dieses Seminares gar nicht mit, weil ich ja sooooo beschäftigt bin.

Müde gehe ich 2 Stockwerke tiefer und lege den 1. Satz (18 Seiten x 20)  + 2. Satz (10 Seiten x 20) in den Kopierer. Das alte Möhrchen legt los … Seite 1, Seite 2, Seite 3 […]

Mordmäßiges Piepen weckt mich. Scheinbar will das Gerät nur weiteres Papier, mit der Technik kenne ich mich aus. Alles gut. In der Abteilung kenne ich mich dagegen gar nicht aus. Das ist schlecht. Ich gehe in eins der Büros und erkundige mich nach Papier. Zwei große Augen stieren mich an, dann ein Fingerzeig von ihr. Ok, sprechen klappt um diese Uhrzeit scheinbar noch nicht bei jedem.

Da ich der Zeichensprache mächtig bin, finde ich das Häufchen Papier und schreite von dannen. Entspannt werfe ich die Technik wieder an und beginne schon einmal mit dem Sortieren. Eine Kollegin stellt sich hinter mir an und wartet darauf, dass ich endlich fertig bin. Eine 2. kommt hinzu.

„Dauert das bei Ihnen noch lange?“

Ich: „Nein, nein.“

Ein Blick auf den Stapel verrät mir allerdings, dass mir die Hälfte noch fehlt. Ich lasse das erst mal bei dieser Hälfte und lasse die Damen vor. Ja, das ist gut, frei dem Motto: „Mache dir keine Feinde an einem Montag Morgen!“ Also schnappe ich mir die sortierte Hälfte und gehe noch mal in das Büro von dem Typen mit der Zeichensprache.

Ich: „Tschuldigung?!“

Der Typ guckt wieder nur. Kein Wort. Nichts. Hat der für England getippt oder was?!

Ich: „Haben Sie vielleicht einen Tacker für mich?“

Ich lege mein Zauberlächeln auf. Das sollte eigentlich dabei helfen jemanden milde zu stimmen. Der Typ sieht mich an, greift in seine – total aufgeräumte – Schreibtischschublade und reicht mir seinen Tacker mit einer kaum zu beschreibenden Miene.

Ich wollte doch nicht eine seiner Nieren! Meine Güte. Er muss weder den Tacker, noch das Metallfutter bezahlen. Dafür tackere ich jetzt alles mit einer stoischen Ruhe direkt an seinem Schreibtisch. Neben ihm versteht sich *grins*. Dann bedanke ich mich freundlich und gehe ein Stockwerk tiefer. Mal sehen, ob ich den Kopierer nicht auch nutzen kann.

„Guten Morgen Frau Rosensteuz!“, spricht mich eine Kollegin an. „Kann ich helfen?“

Ich: „Oh, nein danke! Ich muss nur schnell ein paar Kopien machen. 20 Stück …“, ich seufze leise.

„Möchten Sie vielleicht so lange einen Kaffee?“

Mit so viel Freundlichkeit bin ich jetzt allerdings fast nahezu überfordert. Dankbar stimme gerne zu. Selbstverständlich gilt die „Pause“ nur so lange der Kopierer läuft. Ich kopiere, tackere und trinke meinen Kaffee aus, um endlich wieder in das Seminar zu kommen.

Der Dozent bedankt sich artig.

Dozent: „Frau Rosensteuz. Ich freue mich darüber, dass ich Sie heute hier begrüßen kann. Während Ihrer Abwesenheit haben sich ein paar Punkte ergeben, die SIE besser erklären können. Da kenne ich leider die Prozesse in Ihrem Haus nicht.“

Spitze. Ich auch nicht. Mal sehen, ob sich was improvisieren läßt.

Und schon geht es los … ein Punkt nach dem Anderen will Gehör finden. Zur Mittagszeit – ist eh Pause – verlasse ich das Seminar. Ich habe nicht allzu viel gehört, aber jede Menge Arbeit mitgenommen.

🙄

Liebe Grüsse,

Emily

20 Gedanken zu „Bürogeflüster

  1. es tut mir leid, aber ich sitze hier mit einem breiten grinsen im gesicht und das wo ich dich doch eigentlich bemitleiden soll, jedenfalls hab ich das so verstanden *gg*
    du hast einen tollen schreibstil

    lg
    fio

    • Danke für das Kompliment liebe Fio & es freut mich, wenn du dich amüsiert hast. Ein bisschen Selbstironie hier und da, läßt einen die Strapazen des Alltags manchmal leichter ertragen. Aber, wenn du gerade schon dabei bist … gegen ein winziges klitze Stückchen Mitleid hätte ich ja sooooo viel nicht einzuwenden 😉

      Liebe Grüße und einen schönen Restmontag dir!
      Emily

      • ok, *mitleid rüberschieb* aber dann bekomm ich auch welches, hab brav erst ne stunde mit meinem söhnchen ne brille für ihn ausgesucht und dann bin ich ne stunde später an meiner gescheitert

  2. wahrscheinlich hatte der sprachlose kollege den tacker schon an seinem mund ausprobiert. montags sind bei uns auch einige nicht ansprechbar, manche sogar nie.

    aber es ist wirklich dumm gelaufen, daß du dir da einen berg mitgenommen hast, obwohl du eigentlich nur was lernen solltest. und so versammelter mannschaft kann man auch ganz schlecht nein sagen. du schaffst das schon. und wenn nicht, mußt du ganz viel piepsen und dich wie ein kopierer mit papiermangel verlautbaren ;-).

    • Vor allem ist wieder ein Auftrag wichtiger als der andere und alles gestern fertig. Nee nee, alles Schaumeier sag ich dir. Demnächst werde ich mal Techniken testen, wie man sich entbehrlich machen kann 😉 Jeder Tipp wird ausführlich, samt Projektplan und Ablauforganigramm detailgetreu gepostet.

      Liebe Grüße & einen schönen Restmontag dir!

  3. „Es ging darum dass die Mitarbeiter etwas für ihre tägliche Arbeit mitnehmen können“
    Wenn iich das jetzt so lese bist Du wohl die einzige, die aus diesem Seminar etwas für ihre tägliche Arbeit mitgenommen hat. Das ist wirklich dumm gelaufen. 😦
    Vielleicht beim nächsten Mal nicht ganz so schnell kopieren? 😉
    Wünsche Dir für die restliche Woche angenehmere Tage!

    • Ganz dumm gelaufen! Donnerstag und Freitag habe ich frei. Das sind doch gute Aussichten oder? Die Tage werden sicher arbeitsärmer 😉

      Dir auch noch eine schöne Woche!

  4. liebe emily
    also mitgenommen hast du hier auf jedenfall etwas nur das wolltest du so sicher nicht oder?;)
    ich habhier nun auch wieder was mitgenommen
    einen dicken schmunzler
    danke
    glg babsi

  5. Liebe Emily, ich bin ein bisschen perplex: ein Dozent kommt unvorbereitet (wird für dieses Seminar auch noch bezahlt) und eine Mitarbeiterin des Hauses – welche am Seminar teilnehmen soll – wird gebeten seine Arbeit zu erledigen (warst Du eigentlich die einzige Frau in dem Seminar ? Wenn ja, würde das erklären, warum er ausgerechnet Dich ausgesucht hat mit der Bitte doch mal eben alles zu kopieren.) um danach dann noch einen Teil des Seminars zu schmeißen/abzuhalten, weil er auch in diesem Punkt nicht vorbereitet ist. Kannten die anderen Teilnehmer die Prozesse den auch nicht ? Da bin ich echt baff. Das hört sich jetzt bestimmt alles sehr zornig/brummig an, aber leider habe ich oft als Aussenstehende miterleben dürfen, wie die meisten Frauen regelrecht als „Ersatzmuttis“ für die Herren herhalten müssen um irgendwelche Handlangerdienste zu erledigen und ich gebe zu, dass mich das ein wenig nervt. Es sind vor allem immer die intelligenten Frauen, die um des lieben Frieden willens dann auch noch mitmachen. Liebe Emily, ich hoffe ich habe jetzt nicht zu arg vom Leder gezogen, wenn doch lass es mich wissen. LG und einen kopierfreien Start in den Dienstag. 🙂

    • Nun ja, die Kollegen sollten maßgeblich etwas mitnehmen. Normalerweise unterstütze ich sie bei anderen Dingen, daher war ich auch da. Ich habe es ja so ein Stück weit mitorganisiert, daher war ich die Macht am Kopierer 😉 Wenn der mich noch mal ärgert, rufe ich an! Versprochen!

      Liebe Grüße!

  6. Herrlich … ich komme aus dem Lachen nicht mehr her-aus … meine Tochter würde jetzt sagen: „OHHH, eine Runde Mitleid … und weil’s so schlimm war … noch einmal zurück .“ Danke dir für die immer wieder schönen Bürogeflüster …
    Herzliche Grüße – und genieße den Dienstag –
    Doris

    • Ja ja… Mitleid immer her damit 😉 Man muss nur drüber lachen können, gell?!

      Liebe Grüße und dir ebenfalls einen schönen Dienstag!

      Emily

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